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"Erfüllungsgehilfe der Krankenkassen"

"Erfüllungsgehilfe der Krankenkassen"

Kranke zu beraten und für sie eine geeignete Arznei zu finden, ist längst nicht mehr die Hauptaufgabe von Apothekern. Heutzutage müssen sie vielmehr gute Kaufleute und Manager sein.

Trier. Apotheken kennt man als normaler Kunde meist nur aus der Perspektive vor der Bedienungstheke. Eine Regalwand mit populären und rezeptfreien Waren im unmittelbaren Blickfeld, im Hintergrund die unergründlichen Schränke mit der Unzahl von Schubladen, aus denen der Pharmazeut das gewünschte Medikament herauszaubert. Wechselt man die Perspektive, entsteht ein ganz anderes Bild.
Das wichtigste Arbeitsgerät von Ursula Grün in ihrer Konzer Rats-Apotheke ist der Computer. Ein Rechner, dessen Bildschirm so aussieht, als könnte man damit auch eine Raumfähre steuern. Alle 14 Tage wird er mit neuen Daten gefüttert - dann, wenn die Mitteilungen eintreffen, welche Krankenkasse neuerdings welche Rabattvereinbarungen mit welchem Arzneimittelhersteller getroffen hat.
An die Stelle der Beratung des Patienten auf der Basis der ärztlichen Verordnung tritt zunehmend die Suche nach der aktuellen geschäftlichen Verbindung seiner Kasse. "Wir haben Pharmazie gelernt, aber der Staat zwingt uns, Kaufleute zu werden", sagt Lothar Grün, und seine Frau wird noch deutlicher: "Wir sind nur noch Erfüllungsgehilfe der Krankenkassen."
Aktuelle Studien geben ihr recht. Danach verbringt jeder Mitarbeiter in der Apotheke 90 Minuten täglich allein mit bürokratischen Angelegenheiten, und das Handling der zwecks Kostendämpfung im Jahr 2007 eingeführten Rabattverträge spielt dabei eine Hauptrolle. Neben der Bürokratie sind es auch Haftungsfragen, die Apotheker wie die Grüns ärgern. Es geht um die berüchtigte "Retaxation": Gibt die Apotheke ein vom Arzt verordnetes Medikament heraus, dessen Kasse gerade einen anderen Rabatt-Partner hat, bleibt sie auf den kompletten Kosten sitzen - selbst wenn es sich um einen Computerfehler handelt. Dabei spielen Packungsgröße, Hersteller und Wirkstoff eine Rolle. Alles muss dokumentiert und nachgewiesen werden - ein riesiger Aufwand.
Wie kompliziert die Sache ist, lässt sich an einem gebräuchlichen Wirkstoff wie dem Herzmittel Metoprolol demonstrieren: Es ist in 100 Varianten von 20 verschiedenen Herstellern auf dem Markt. Kommt der Patient mit der gewohnten Verschreibung, seine Kasse hat aber inzwischen den Vertragspartner gewechselt, beginnt die Sucherei, die nicht immer zu einem Ergebnis führt. Dann muss der Apotheker den Kunden oft zum Arzt zurückschicken. Ärger auf allen Seiten ist programmiert. Zumal die Kassen auch noch geographische Unterteilungen vornehmen: Ein Patient aus Bayern, der während eines Trier-Besuchs ein Medikament braucht, hat möglicherweise trotz der gleichen Kasse einen anderen Lieferanten. Das alles ist mit der Vorratshaltung der Apotheken kaum zu bewältigen. "Dafür haben wir doch nicht Pharmazie studiert", sagt Theo Hasse, der die Diana-Apotheke in Zerf (Kreis Trier-Saarburg) betreibt.
Nur die Großen überleben


Der zweite Vorsitzende des Landes-Apothekerverbandes führt noch andere Gründe für den wachsenden Frust in seiner Branche an. Zum Beispiel, dass der Rabatt, den wiederum auch die Apotheken den Kassen gewähren müssen, viel zu hoch sei. Vor allem mittelgroße Apotheken mit Jahres-Umsätzen um eine Million Euro, wie es sie häufig in der Region Trier gibt, seien mangels angemessener Gewinne auf Dauer in ihrer Existenz bedroht. So richtig glücklich ist mit der Regelung keiner, immer wieder brechen Diskussionen über die Abschaffung der Rabattverträge auf.
Aber eines haben sie offenbar bewirkt: eine Kostensenkung. 125 Millionen Euro Rabatt-Einnahmen konnten die Kassen in den ersten neun Monaten des Jahres 2011 allein in Rheinland-Pfalz verzeichnen - so hat es zumindest die Techniker-Krankenkasse vorgerechnet, die gerade zum 1. Februar neue Rabattverträge abgeschlossen hat. Das sei, so heißt es bei der TK in Mainz, "eine wichtige Atempause für die Kassen".
Die Frage ist nur, ob den Apotheken in der Region dabei nicht die Luft ausgeht. Allein in Trier, Konz und Bitburg, so zählen die Grüns auf, haben in den vergangenen Jahren acht Apotheken geschlossen.Extra

Für Patienten besteht das Hauptproblem bei der Rabatt-Regelung darin, dass sie zwar auf die gewohnten Wirkstoffe zurückgreifen können, aber andere Packungsgrößen und Darreichungsformen in Kauf nehmen müssen. Vor allem für Ältere ist das oft ein Problem, wenn sie sich permanent umstellen müssen - auch bei der Dosierung. DiL