Ernüchterndes Ergebnis

Etliche neue Hinweise, aber keine heiße Spur: Auch nach den beiden ZDF-Sendungen über den Vermisstenfall Tanja Gräff (21) tappt die Polizei bei der Suche nach der seit knapp vier Monaten verschwundenen Trie rer Studentin weiter im Dunkeln.

Trier. "Die Kriminalkommissare geben alles. Und trotzdem geht nichts voran." Die Einführung von "Aktenzeichen"-Moderator Rudi Cerne am Donnerstagabend zur besten Sendezeit trifft den Nagel auf den Kopf. Fast vier Monate sind die Ermittler der inzwischen von 30 auf 20 Fahnder geschrumpften Sonderkommission Fachhochschule auf der Suche nach Tanja Gräff. Doch außer einigen eher dürftigen Zeugenaussagen gibt es bislang keine erfolgversprechenden Hinweise. "Die Ermittlungen sind an einem toten Punkt angelangt", sagt Soko-Chef Bernd Michels in dem knapp viertelstündigen "Aktenzeichen"-Film vor Studenten. Die Szene ist von Schauspielern nachgestellt. Doch so ähnlich war es wirklich vor zweieinhalb Monaten im großen Hörsaal (Audimax) der Trierer Universität. "Es ist nicht so, dass wir als blinder Fuchs durch die Gegend laufen. Wir haben noch einiges im Köcher", sagte damals der echte Bernd Michels den 200 anwesenden Studenten zum Abschluss. Nur: Einen Treffer unter den abgeschossenen Pfeilen konnte die Soko bislang nicht vermelden. Dabei haben Bernd Michels und seine Kollegen so gut wie nichts unversucht gelassen, um die seit dem FH-Sommerfest Anfang Juni unter mysteriösen Umständen spurlos verschwundene Tanja Gräff zu finden: Mehrfach durchkämmten Hundertschaften Bereitschaftspolizisten das Gelände um die Fachhochschule Schneidershof; sämtliche Gewässer im Umkreis wurden von Tauchern abgesucht, die Mosel gleich mehrfach. Hinzu kamen Informationsveranstaltungen an der Trierer Uni sowie Hunderte Befragungen von Zeugen, Freunden und Kommilitonen der vermissten jungen Frau aus Korlingen (Kreis Trier-Saarburg). Zuletzt gab es vor einigen Wochen sogar noch einen Termin an der FH, bei dem mögliche Augenzeugen den Beamten der Sonderkommission vor Ort zeigten, wann sie was wo beobachtet hatten. Das ernüchternde Ergebnis der Rekonstruktion: Auf einmal halten es die Ermittler nicht mehr für ausgeschlossen, dass Tanja vielleicht doch mit dem Bus in die Stadt gefahren sein könnte.Als sicher gilt dagegen immerhin das kurze Gespräch Tanjas mit einem Freund, der die 21-Jährige gegen 4 Uhr auf dem FH-Sommerfest in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes gesehen hat. Eine Szene, die auch im "Aktenzeichen"-Film am Donnerstagabend nachgestellt wird. Ebenso wie die sogenannte Drachenhaus-Spur und die "Bauzaun-Spur". Dabei hatten jeweils Zeugen beobachtet, dass eine junge Frau und ein junger Mann "Beziehungsstress" bekamen, als sie das Festgelände verließen. Gut möglich, dass es sich hierbei um Tanja Gräff und ihren ominösen Begleiter gehandelt hat. Ebenfalls vorstellbar aber auch, dass es ein noch unbekanntes Pärchen war, dass mit der ganzen Sache nichts zu tun hat. In "Aktenzeichen" allerdings ist von den vielen Fragezeichen keine Rede - "aus dramaturgischen Gründen", wie es heißt. "Es ist ein möglicher Tat-Ablauf, nicht mehr und nicht weniger", sagt Soko-Vize Eckhard Otto nach der Sendung, die immerhin 4,13 Millionen Fernsehzuschauer eingeschaltet haben. Mehr als 60 Zuschauer greifen anschließend zum Telefon und rufen eine der eingeblendeten Hinweisnummern an. Das Ergebnis: ernüchternd. Ein Anrufer hat Tanja angeblich in einem Zug in Bayern gesehen, ein anderer weiß, wer ein Nummernschild mit den Endziffern 1234 an seinem Fahrzeug hat. Dummerweise ist das Kennzeichen des im Film gezeigten Peugeots (eine weitere mögliche Spur) ein fiktives.Feinarbeit statt Kaffeesatz-Leserei

Ein kleines bisschen Hoffnung keimt bei den Ermittlern auf, als eine Anruferin aus der Nord-Eifel vom Fund eines Rosenkranzes berichtet. Einen Rosenkranz mit silbernem Kreuz hatte Tanja am Tag ihres Verschwindens dabei. Doch bereits nach wenigen Stunden steht fest: Es ist definitiv nicht Tanjas Rosenkranz, den die Eifelerin gefunden hat. Andere Anrufer bieten ihre Dienste als Hellseher, Wahrsager oder Astrologen an. "Von denen hatten wir schon vorher 100 auf der Liste", meint Soko-Vize Eckhard Otto am Freitagnachmittag genervt. Dem Trierer Kriminalhauptkommissar ist auch nicht zum Schmunzeln zumute, als er auf eine Bemerkung der deutschen Sängerin Nena ("99 Luftballons") angesprochen wird, die am Donnerstagabend - neben drei Freunden Tanjas - Gast in der ZDF-Sendung Johannes B. Kerner ist. "Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, seriöse Menschen, die Dinge sehen, die andere Menschen nicht sehen?", mischt sich Nena in das Gespräch zwischen Kerner und Tanjas Bekannten ein. "Es haben sich viele gemeldet", kontert Christoph Krier geschickt, "und jeder sieht etwas anderes." Für die offenbar leicht esoterisch angehauchte Nena die Aufforderung, noch einmal nachzulegen: "Trefft sie, seht ihnen in die Augen", rät sie Tanjas Freunden, bevor Moderator Kerner endlich dazwischengeht und der Sängerin das Wort abschneidet. "Die Sache hat mich maßlos geärgert", meint am Freitag Soko-Vize Eckhard Otto. "Wir lösen diesen Fall nicht durch Kaffeesatz-Leserei oder Hellseher, sondern nur durch kriminalistische Feinarbeit." Dass dies mitunter ein mühsames Geschäft sein kann, weiß auch der Soko-Leiter. "Herrschaften, noch zwei Jahre und dann bin ich Pensionär", sagt das Double von Bernd Michels im "Aktenzeichen"-Film den Studenten. "Und ich bin wild entschlossen, diesen Fall vorher zu lösen." So ähnlich hat dies auch der echte Bernd Michels schon mehrfach gesagt. Aber mit fortschreitender Zeit wachsen die Zweifel, dass er es tatsächlich schafft.

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