Erst forschen, dann essen

Faszinierend, was die Gentechnik möglich macht. Da werden Nutzpflanzen so verändert, dass sie für Schädlinge tödliche Stoffe bilden und nicht mehr gespritzt werden müssen, dass sie gegen Antibiotika resistent sind oder gegen ein bestimmtes Unkrautvernichtungsmittel.

Und Forscher träumen bereits davon, Pflanzen an trockene und heiße Klimazonen anzupassen und so den Hunger in armen Ländern zu bekämpfen. Doch die schöne, neue Welt hat einen gewaltigen Fehler: Veränderte Gene, die sich erst einmal ausgebreitet haben, sind nicht mehr zurückzuholen - während man gleichzeitig die Kehrseite solcher Eingriffe in die Natur noch nicht kennt. Langzeitstudien fehlen, und Ergebnisse einiger Untersuchungen lassen es ratsam erscheinen, noch einmal genauer hinzusehen. So wurden beispielsweise bei Fütterungsstudien mit gentechnisch veränderten Futterpflanzen bei Tieren Zell- und Organveränderungen beobachtet. Experten fürchten nicht nur steigende Krebsrisiken. Sie warnen auch davor, dass sich Antibiotika-Resistenzen von Pflanzen auf Tiere und Menschen übertragen könnten und damit wichtige Medikamente unbrauchbar würden. Außerdem könnten neue Allergien entstehen. Neben den Folgen für Menschen sind auch Wechselwirkungen in der Natur weitgehend unerforscht. Nutzpflanzen, die mit Gentechnik gegen Unkrautvernichtungsmittel resistent gemacht wurden, können diese Gene auf Wildpflanzen übertragen. Folge: Es müssen mehr oder andere Mittel eingesetzt werden als zuvor. In Amerika ist das teilweise schon jetzt Realität. Und wie wirken sich Pflanzen, die Gift gegen Schädlinge absondern, auf Nützlinge aus? Können die Substanzen in den Boden gelangen? Auch das Argument der Hungerbekämpfung verliert beim zweiten Blick an Attraktivität: Hunger ist meist die Folge sozialer, politischer oder wirtschaftlicher Missstände - Ertragssteigerungen nützen wenig, wenn die Nahrung unerschwinglich ist. Denn grüne Gentechnik ist alles andere als billig. Die hohen Entwicklungskosten schlagen sich im Saatgut-Preis nieder. Und wer die Gen-Pflanze mit der Resistenz gegen ein bestimmtes Spritzmittel kauft, muss für gute Erträge auch genau dieses Mittel verwenden - vom selben Konzern, versteht sich. In Wirklichkeit profitierten von der grünen Gentechnik einzig und allein die sechs Saatgut-Unternehmen, die 90 Prozent des Weltmarktes für Gen-Pflanzen kontrollierten, glauben Kritiker. Gegen den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft spricht schließlich, dass die Verbraucher sie nicht wollen: Umfragen zufolge sind mindestens 70 Prozent der Deutschen dagegen. Eine Zahl, die um ein Vielfaches sinken dürfte, wenn man die Technologie mit den faszinierenden Möglichkeiten rundum erforschen würde, bevor man sie den Leuten auf dem Teller präsentiert. i.kreutz@volksfreund.de

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