| 18:27 Uhr

Politik und Fußball
Erst Lorbeerblatt, dann Rücktritt

Knapp acht Jahre ist das her: Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert nach dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei in der Mannschaftskabine des Berliner Olympiastadions dem deutschen Mittelfeldspieler Mesut Özil.
Knapp acht Jahre ist das her: Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert nach dem EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei in der Mannschaftskabine des Berliner Olympiastadions dem deutschen Mittelfeldspieler Mesut Özil. FOTO: dpa / Guido Bergmann
Berlin. Fußballer Özil ruft die Politik auf den Plan – mit Merkel verbindet ihn besondere Beziehung. Von Hagen Strauss

Im Jahr 2014, nach dem Gewinn des WM-Titels in Brasilien, war Mesut Özil noch Ehrengast beim Bundespräsidenten. Damals erhielt auch er aus den Händen von Joachim Gauck das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste staatliche Auszeichnung für Sportler. Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Schloss Bellevue mit dabei. Am Montag ließ sie mitteilen, Özil sei ein „toller Fußballspieler“.

Einer freilich, der nach 92 Spielen nicht mehr für das Land auflaufen will, in dem er geboren worden ist. Özils Entschluss ist zum Politikum geworden. Denn nach der Kontroverse um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan begründete er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft unter anderem mit Rassismus und fehlender Anerkennung.

Die Kanzlerin ließ mitteilen, Özil habe „eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist“. Mehr wollte Merkel ihre stellvertretende Regierungssprecherin nicht sagen lassen, auch nichts Erhellendes zu den Rassismus-Vorwürfen. Merkel und Özil verbindet freilich eine besondere Beziehung. So sorgte 2010 ein Foto von beiden für Wirbel. Damals war Merkel nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei in die Kabine geeilt und schüttelte dem halbnackten Özil die Hand – ein Bild mit Symbolwert angesichts der Dauerdebatte um Migranten. Gleichwohl brachte das Foto der Kanzlerin auch Kritik ein. Sie instrumentalisiere den Fußball, hieß es damals.

Von Unverständnis bis zu mahnender Zustimmung, so reagiert das politische Berlin auf Özils Befunde und Kritik. Außenminister Heiko Maas (SPD) meinte: „Ich glaube nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“ Demgegenüber warnte seine Parteifreundin, Justizministerin Katarina Barley: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.“ Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir, der zuvor schon scharf mit dem Verband und dessen Verhalten in der Foto-Affäre ins Gericht gegangen war, meinte: „Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf.“ Leistung gebe es nur mit Vielfalt. „So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt.“

In den sozialen Netzwerken überschlugen sich die Kommentare. Auch die der Politiker. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel twitterte: „Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever.“ Selbst aus der Türkei kamen Reaktionen. „Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen“, so der türkische Sportminister Mehmet Kasapo. Der türkischen Regierung kommt die in Deutschland entflammte Debatte nur recht, denn schon seit langem steht es um die Beziehungen beider Länder nicht sonderlich gut.

Özil hatte auch scharf DFB-Präsident Reinhard Grindel kritisiert. In dessen Augen sei er nur Deutscher „wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“, schrieb der 29-Jährige Deutsch-Türke in seiner dreiteiligen, auf Englisch verfassten Erklärung. „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen“, so der Fußballer weiter. Daraufhin befand der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour: „Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil.“

Der DFB wies den Vorwurf des Rassismus gestern jedoch „in aller Deutlichkeit“ zurück. Man bedaure, dass Özil das Gefühl gehabt habe, gegen rassistische Parolen nicht ausreichend geschützt worden zu sein, hieß es in einer Erklärung. Aber der Verband engagiere sich seit vielen Jahre „in hohem Maße“ für die Integrationsarbeit Deutschland. Das wolle man auch „konsequent“ fortsetzen.