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"Es geht nicht um das Schicksal der FDP" - Parteichef Christian Lindner im TV-Interview

"Es geht nicht um das Schicksal der FDP" - Parteichef Christian Lindner im TV-Interview

Die drei anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen könnten wegweisend für die FDP werden. Fliegt die Partei auch dort aus den Parlamenten? Man kämpfe nach wie vor gegen das Bild der alten FDP, betont der Vorsitzende Christian Lindner im Gespräch mit unserer Zeitung.

Berlin. Über die Sorgen der Liberalen sprach mit FDP-Chef Christian Lindner unser Berliner Korrespondent Hagen Strauß.

Herr Lindner, wie tot ist die FDP?
Christian Lindner: Die FDP ist in der Phase einer geistigen Neugründung. Bislang kämpfen wir erstens noch gegen das Bild der alten FDP, die 2013 abgewählt wurde. Wir stehen zweitens im Wettbewerb mit einer großen Koalition, die populäre Wahlgeschenke verteilt, deren Kosten noch nicht zu spüren sind. Wirtschaftliche Vernunft als unser Kernanliegen ist also aktueller denn je. Es fehlen uns aber die öffentlichen Bühnen. Mit den Möglichkeiten von Gregor Gysi ging es schneller, so brauchen wir starke Nerven und Geduld.

Ihre Partei ist in Sachsen, Thüringen und Brandenburg noch im Landtag vertreten. In allen drei Ländern wird bald gewählt. Sind das Schicksalswahlen für die FDP?
Lindner: Es geht bei den Wahlen nicht um das Schicksal der FDP. Das sind Schicksalswahlen beispielsweise für Sachsen, wo sich der weitere Weg des Landes entscheidet. Sachsen steht bei der Bildung, bei den öffentlichen Finanzen und bei der Dynamik des Arbeitsmarktes sehr gut da. Damit das so bleibt, muss die FDP stark sein.

Aber noch mal: Fliegt Ihre Partei aus den Landtagen, ist das auch eine Niederlage für Sie als Parteichef, oder?
Lindner: Holger Zastrow hat sich etwa in Sachsen für seinen ganz eigenständigen und von der Bundespartei unabhängigen Weg entschieden. Er stellt die Erfolge der schwarz-gelben Regierungskoalition ins Zentrum. Sein Trend zeigt klar nach oben.

Warum wird die FDP überhaupt noch benötigt?
Lindner: Weil wir uns als Deutsche nicht in den Status quo verlieben können. Mir persönlich geht es gehörig gegen den Strich, dass sich durch die große Koalition ein Zeitgeist der Selbstzufriedenheit über das Land gelegt hat. Die Grundlagen unseres Erfolges sind aber die Innovationskraft, die Leistungsfreude und die Zukunftsorientierung. Das ist alles in die Defensive geraten. Diese Botschaften sehe ich unverändert nur bei der FDP beheimatet.

Läuft die AfD Ihnen inzwischen den Rang ab?
Lindner: Wer glaubt, dass wir dringend über das Abtreibungsrecht Volkentscheide brauchen, wer im Freihandel mit den USA nur Gefahren sieht und wer Putin von jeder Verantwortung für die Ukraine-Krise reinwaschen will, der soll die AfD wählen. Ich empfinde das weder als bürgerlich noch als vernünftig. Für mich ist vieles bei dieser Partei einfach nur wirr.

Das heißt, Sie sehen in der AfD keine direkte Konkurrenz?
Lindner: Nein, das ist ein Partei, die rechts von der CDU positioniert ist - wenn überhaupt. Wir wollen Marktwirtschaft und Modernität verbinden, weil wir von der Zukunft etwas Positives erwarten. Die AfD ist dagegen eine Partei, die Angst vor morgen hat.Extra

FDP-Chef Christian Lindner.Foto: dpa

Christian Lindner (34) ist seit Ende vorigen Jahres Bundesvorsitzender der FDP. Jubelnd feierten die Delegierten am 7. Dezember 2013 seine Rede auf dem außerordentlichen Parteitag und wählten ihn hinterher mit 79 Prozent zum neuen Parteichef. Kein Traumergebnis, aber sehr respektabel. Lindner sagte damals, er wolle den Menschen klarmachen, dass die FDP die Partei der sozialen Marktwirtschaft bleibe. "Es ist der Markt, der die Pfosten einschlägt, an denen dann die sozialen Netze aufgehängt werden." Die öffentlichen Attacken auf die FDP verunsicherten Lindner so wenig wie die Häme nach der vorangegangenen Wahlpleite: "Die FDP muss nicht fürchten, für das bekämpft zu werden, wofür sie steht. Die FDP muss nur fürchten, für nichts zu stehen." Dass er es auf kleiner Bühne kann, zeigte Lindner 2012 in Nordrhein-Westfalen. Mit smartem Auftritt, begeisternden Reden und dem Gespür für die richtigen Themen führte er die in Umfragen totgesagte FDP auf 8,6 Prozent. Damit bügelte er aus eigener Sicht die Schmach seines überstürzten Rücktritts als Generalsekretär der Bundespartei Ende 2011 aus. Der studierte Politikwissenschaftler, der mit einer Journalistin verheiratet ist und in der Nähe von Düsseldorf lebt, galt schon früh als Wunderkind der FDP. Mit 21 Jahren wurde er jüngster Abgeordneter im Düsseldorfer Landtag, mit 25 Generalsekretär der Landespartei. Sein großes Ziel: 2017 wieder mit seiner Partei im Bundestag zu sein. dpa