"Es gibt 80 Millionen Trainer..."

"Es gibt 80 Millionen Trainer..."

BERLIN. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist gestern mit den Organisatoren der Fußball-WM und Bundestrainer Jürgen Klinsmann zusammengetroffen. Der TV sprach darüber mit dem bekannten ehemaligen deutschen Fußball-Schiedsrichter Bernd Heynemann.

Fußball und Politik, sagt der Magdeburger, hätten einiges gemein. "Jeder glaubt, er hat der Weisheit letzten Schluss gefunden", sagt Heynemann gegenüber unserer Zeitung. Herr Heynemann, haben Fußball und Politik gemeinsam, dass es zu viele Vorstopper und zu wenige Filigrantechniker gibt?Heynemann: Ich bemühe das Phrasenschwein: Fußball ist ja nicht nur auf dem Platz. Fußball fängt mit dem Training an, mit der Taktik, es gibt viele Einflüsse von Funktionären, Präsidenten, Zuschauern. Insofern ist Fußball nicht nur reduziert auf das Spiel. Und so geht es der Politik auch. Mischen sich Politiker und insbesondere Hinterbänkler deshalb so gern in Angelegenheiten des Fußballs ein?Heynemann: Es ist nun mal eine besondere Situation, dass die WM in Deutschland stattfindet. Wir stehen ja kurz davor, die Erwartungshaltung ist groß, der Druck immens. Da wird eine Niederlage der Nationalmannschaft wie jetzt gegen Italien schnell zur nationalen Katastrophe. In Deutschland leben eben 80 Millionen Bundestrainer, 80 Millionen Schiedsrichter - und mit Sicherheit ebenso viele Kanzler. Jeder glaubt, er hat der Weisheit letzter Schluss gefunden, fast jeder möchte sich einbringen. Und fast jeder wird gehört. Bundestrainer Jürgen Klinsmann gilt als Reformer, und Reformer scheitern öfter in Deutschland. Ist das sein Schicksal?Heynemann: Das glaube ich nicht. Fest steht zumindest: Die Deutschen sind bequem und Neuem gegenüber eher skeptisch eingestellt. Das gilt für den Fußball wie für die Politik. Da hilft nur der Erfolg. Ist Kritik an den WM-Vorbereitungen Miesmacherei?Heynemann: Nein. Die Kritik ist doch die Sorge, dass das große Ziel, eine gelungene Weltmeisterschaft zu bieten und sportlich das Endspiel zu erreichen, verfehlt werden könnte. OK-Chef Franz Beckenbauer sieht das anders. Lichtgestalt oder Dampfplauderer - was ist der "Kaiser" eher für Sie?Heynemann: Er ist unbestritten eine Lichtgestalt. Seine Worte haben mehr Gewicht als die von Bundespräsident Horst Köhler. Wäre Beckenbauer nicht der richtige Mann für die Politik?Heynemann: Das wird er nicht machen. Es ist aber in der Tat ganz selten, dass sich jemand zu allen Bereichen des Lebens äußern kann und darf - und dass seine Sätze als in Stein gemeißelt angesehen werden. Woran liegt das?Heynemann: Er war immer erfolgreich, als Spieler, als Trainer und jetzt als Organisationschef. Er hat die Weltmeisterschaft nach Deutschland geholt. Er ist eine Werbe-Ikone. Der Erfolg gibt ihm also Recht. Das Gespräch führte unser Korrespondent Hagen Strauß.

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