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"Es gibt nicht den idealen Standort"

"Es gibt nicht den idealen Standort"

Wie sicher ist die Lagerung von Atommüll im Tongestein? In Frankreich hält man das für eine sichere Methode. Dort soll im lothringischen Bure ein Atommülllager entstehen. Der TV befragte Experten dazu.

Bure. In Deutschland wird immer noch gesucht. Nach dem idealen Standort für ein Endlager von hoch radioaktivem Abfall. Strahlender Müll, den die Atomkraftwerke in diesem Land produzieren. Noch bis 2022. Dann soll Schluss sein mit in Deutschland produziertem Atomstrom. Doch noch weit über diesen Termin hinaus, wird es die Hinterlassenschaften der Atomkraftwerke geben. Und die müssen so sicher gelagert sein, dass sie in den nächsten tausend Jahren keinen Schaden anrichten können. Erst am Freitag gab es dazu wieder eine heftige Debatte im Bundestag. Noch immer ist nicht klar, wo der Müll hin soll.
Lagerung im Stollen



In Frankreich ist man weiter. Dort hat man, ohne größere Diskussion, entschieden, dass im lothringischen Bure ein Endlager entstehen soll. Das erste in Europa (der TV berichtete). Doch wie sicher ist die Lagerung von hoch radioaktivem Müll in den Tonstollen 500 Meter unter der Erde? Die Umgebung rund um den 100-Einwohner-Ort und die Gesteinsschichten dort seien sehr gut erforscht, sagt Stefan Alt. Er ist Nuklearexperte beim Darmstädter Öko-Institut. Das Land Rheinland-Pfalz hat gemeinsam mit Luxemburg und dem Saarland das Institut beauftragt, eine Risikoanalyse des Atomlagers in Bure zu machen. Alt verweist im Gespräch mit dem TV darauf, dass die französische Atommüllbehörde Andra seit dem Jahr 2000 die Eignung des Tongesteins erforscht. Und vor allem seien die Ergebnisse der Forschung öffentlich bekanntgemacht worden.
1994 hatte die Andra begonnen, Tunnel zu bohren, um dort ein unterirdisches Versuchslabor zu errichten. Bis Ende 2011 ist unterhalb der 130 Meter dicken Gesteinsschicht eine Art Mini-Endlager entstanden. Ab 2025 soll dann in dem tatsächlichen Endlager, das in der Nähe des Versuchslabors entstehen soll, der Atommüll gelagert werden - nach ersten Erkenntnissen wird dort eine Lagerung für eine Million Jahre für möglich gehalten. "Die Kunst wird jetzt sein, die Sicherheit für diesen Standort nachzuweisen", sagt Alt. Es kann nämlich durchaus der Fall sein, dass sich das Gestein ein paar Kilometer weiter von dem unterscheidet, das die Andra seit Jahren untersucht hat. Die Forschung in Bure habe gezeigt, dass sich Tongestein für die Lagerung von hoch radioaktivem Müll durchaus eignen könne, sagt Nuklearexperte Alt. Generell könne aber gesagt werden, dass es nicht den idealen Standort gebe. Er habe allerdings nicht den Eindruck, dass bei der bisherigen Arbeit der Andra in Bure "viele Fehler" gemacht worden seien.
Zu dem Schluss kommt man übrigens auch in dem von der lokalen Informationskommission des Untertagelabors Bure 2011 in Auftrag gegebenen Gutachten. Die Andra habe eine "Menge gute und in einigen Fällen auch exzellente wissenschaftliche Arbeit" abgeliefert, heißt es in der Untersuchung des Instituts für Energie und Umweltforschung aus Maryland (USA). Die Untersuchung, an dem auch der deutsche Geologe Gerhard Jentzsch beteiligt war, kommt allerdings auch zum Ergebnis, dass die Untersuchungen in Bure nicht ausreichen würden, um den Standort zum Endlager zu erklären. Insbesondere den Fragen zu Hohlräumen im Gestein, Trinkwasseradern, Felsspalten und zum Temperaturverhalten des Gesteins aufgrund des Wärmeeintrags durch die Lagerbehälter müsse weiter nachgegangen werden.
Der aus Deutschland stammende und in Paris lebende Atomexperte Mycle Schneider kritisiert, dass außer Bure kein anderer Standort getestet worden sei in Frankreich. Die Standortsuche eines Endlagers in einer anderen Gesteinsform, etwa Granit sei an dem massiven Widerstand der Bevölkerung gescheitert. In Bure hielt sich der Protest zumindest von französischen Kritikern des Projektes in Grenzen. Schneider, der 1997 für seinen Einsatz in der Forschung über die Gefahren der Atomkraft mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, spricht daher von einem "wissenschaftlich kaum haltbaren Verfahren". Auch sei noch gar nicht klar, welche Art und wie viele der abgebrannten Brennelemente aus den 58 französischen Kernkraftwerken in Bure gelagert werden sollen. Diese Frage hat nach Ansicht von Schneider "einen großen Einfluss auf das Endlagerkonzept".
Es müsse nun nachgewiesen werden, wie sich der Klimawandel in den nächsten 1000 Jahren auf die Lagerung in 500 Meter Tiefe auswirke, sagt Nuklear-Experte Alt. Die von Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Luxemburg in Auftrag gegebene Risikoanalyse beschäftige sich zum einen mit möglichen Auswirkungen des Endlagers auf die drei Länder, etwa was die Strahlung angehe und wie eventuell das Trinkwasser beeinträchtigt werden könne. Untersucht werde auch das Risiko der Transporte der abgebrannten Brennelemente aus der Wiederaufbereitungsanlage Le Hague in Nordfrankreich.
Allerdings könne man "bei aller Kritik an der Kernkraft" sagen, dass diese in Deutschland heftig kritisierten Castor-Transporte sicher seien, sagt Alt.Extra

Das Öko-Institut ist ein gemeinnütziges, privates Umweltforschungsinstitut mit Hauptsitz in Freiburg. Es ist 1977 aus der Anti-Atomkraft-Bewegung hervorgegangen und umfasst heute rund 130 Mitarbeiter an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin. Das Institut ist als Verein organisiert und hat rund 2800 Mitglieder, darunter knapp 30 Kommunen. Es finanziert seine Arbeit in erster Linie über Drittmittel für Projekte. Das Öko-Institut erstellt wissenschaftliche Gutachten und berät Politiker, Umweltverbände, Institutionen und Unternehmen. red