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"Es können sich Lösungen auftun, mit denen wir noch nicht rechnen"

"Es können sich Lösungen auftun, mit denen wir noch nicht rechnen"

Zu der am nächsten Freitag beginnenden Heilig-Rock-Wallfahrt werden mehrere Hunderttausend Pilger in Trier erwartet. "Auf die Begegnung mit ihnen freue ich mich ganz besonders", sagt der Trierer Bischof im Interview mit dem Trierischen Volksfreund. Mit Stephan Ackermann sprachen die TV-Redakteure Martin Pfeil und Rolf Seydewitz.

Herr Bischof, Sie wurden zuletzt kritisiert, weil Sie in Ihrem Bistum Priester weiter beschäftigen, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Warum lassen Sie sie im Dienst? Ackermann: Ich handele in Übereinstimmung mit den Leitlinien der Bischofskonferenz, die unter breiter Beteiligung von Experten sowie im Gespräch mit Opferschutzverbänden erarbeitet worden sind. Danach kann ein Pfarrer oder kirchlicher Mitarbeiter, der sich des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig gemacht hat, nicht mehr in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden. Allenfalls ist noch ein eingeschränkter Einsatz unter Auflagen möglich. So vorzugehen, dazu haben uns alle Experten insbesondere unter präventiven Gesichtspunkten geraten. Ob und wie jemand weiter glaubwürdig als Priester arbeiten kann, wenn er Missbrauchstäter geworden ist, das ist die Frage, der wir uns zu stellen haben. Auch mir selbst - das gestehe ich offen ein - sind die unterschiedlichen Dimensionen dieser Frage nun bewusster geworden. Was ist Ihre Meinung dazu? Ackermann: Wir haben uns vor zwei Jahren dazu verpflichtet, die Sorge um die Opfer in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen zu wollen. Das haben wir getan. Nun kreisen die aktuellen öffentlichen Diskussionen um die Täter-Frage. Diese ist bei der in den nächsten Monaten anstehenden Überprüfung der Leitlinien unbedingt zu berücksichtigen. Hier gibt es wirklich Nachbesserungsbedarf. Dafür stehe ich auch als Beauftragter der Bischofskonferenz ein. Kommen wir zum eigentlichen Anlass des Interviews - der bevorstehenden Wallfahrt. Ist der Heilige Rock echt?Ackermann: Der Heilige Rock ist echt. Es gibt ihn nur in Trier. Aber ob er tatsächlich das Untergewand ist, das Jesus getragen hat, oder Stoffteile davon, können wir natürlich nicht beweisen. Auch das Gegenteil ist nicht zu beweisen. Und so bleibt es in der Schwebe. Ist es dann auch nicht so wichtig, ob das Grab Jesu wegen der Auferstehung leer war oder nicht?Ackermann: Das leere Grab an sich ist kein Inhalt des Glaubens. Aber dass die Jünger auf dieses leere Grab gestoßen sind, ist ein ganz entscheidender Hinweis auf die Auferstehung Jesu Christi. Von daher bin ich auch der Überzeugung, dass das Grab leer war. Wie stehen Sie persönlich denn generell zu Reliquien und Reliquienkult? Gibt es - vom Heiligen Rock einmal abgesehen - Reliquien, die Ihnen etwas bedeuten?Ackermann: Reliquien sind Teile der Hinterlassenschaft oder Gebeine von Menschen, die den Glauben mit Haut und Haaren gelebt haben. Insofern stehen Reliquien für den von uns erhofften konkreten Kontakt mit Menschen oder Orten, die in besonderer Weise vom Glauben belebt worden sind. Reliquien können also eine Hilfe zum Glauben sein. Sie sind nicht heilsbedeutsam, heißt: Man muss nicht glauben, dass der Heilige Rock echt ist, um in den Himmel zu kommen.Gibt es eine Reliquie, die Ihnen als Bischof besonders wichtig ist?Ackermann: Die römischen Gräber von Petrus und den Märtyrern zusammen mit den Reliquien haben für mich eine besondere Bedeutung. Und der Tauf-arm des Missionars Franz Xaver in der Jesuitenkirche Il Gesù in Rom. Er erinnert mich an den missionarischen Einsatz des Heiligen, der viele Tausende zum Glauben geführt hat.Zurück zum Heiligen Rock? Was lässt sich das Bistum die Wallfahrt kosten? Ackermann: Drei Millionen Euro, Personalkosten nicht eingerechnet. Und welche Einnahmen stehen dem gegenüber?Ackermann: Wer möchte, kann spenden. Und die Kollekten in dieser Zeit gehen zur Hälfte an die Aktion Arbeit des Bistums, und die andere Hälfte wird zur Refinanzierung der Wallfahrt eingesetzt.Sehen Sie die Wallfahrt eher als Bistumsfest, also als Festival für die "eigenen Leute", oder als übergreifende katholische Großveranstaltung?Ackermann: Es ist ein Bistumsfest mit überdiözesaner und auch internationaler Ausstrahlung. Dazu, den Kreis größer zu ziehen, haben uns auch die positiven Erfahrungen der 96er Wallfahrt ermutigt.Das Programm wendet sich erkennbar auch an junge Menschen: Soll das Thema hauptsächlich bereits "positiv belastete" junge Katholiken erreichen, oder erhoffen Sie sich auch Neugier von außen?Ackermann: Es ist ein wenig wie bei Weltjugendtagen. Um die Jugend anzusprechen, braucht es Events. Auch die Heilig-Rock-Wallfahrt ist so ein Großereignis und Gemeinschaftserlebnis, das zunächst einmal diejenigen anspricht, die sich in der kirchlichen Jugendarbeit engagieren. Aber natürlich wünsche ich mir, dass diese Jugendlichen auch Freundinnen oder Freunde mitbringen, die nicht so kirchlich gebunden sind.Bei der Heilig-Rock-Wallfahrt gibt es ein spezielles Jugendprogramm, während Sie andererseits Geld für die kirchliche Jugendarbeit streichen. Ist das das richtige Signal für den katholischen Nachwuchs?Ackermann: Unsere finanziellen Spielräume werden enger. Und jeder, ob Jugend, Pfarrgemeinden oder Verbände, muss einen Sparbeitrag leisten. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Jugendliche etwa durch Gruppenstunden längerfristig zu binden. Da muss man sich auch kritisch fragen: Sind das die Strukturen, um junge Leute anzusprechen? Wie können wir das, was wir haben, besser ausnutzen? Und: Müssen wir nicht auch andere Dinge finden? Wenn ich die letzte Frage mit Ja beantworte, kann ich bei sinkenden Einnahmen nicht fraglos auf den alten Schienen weiterfahren. Bleiben wir beim Thema Jugend: Das Heiligrocklied, die spezielle Hymne der Wallfahrt, wirkt auf uns recht bieder und unspektakulär: Hätte man da nicht etwas Jugendlicheres machen können?Ackermann: Das Lied basiert auf einer englischen Vorlage, der Melodie von "Love Unknown" von John Ireland, der Text stammt von Monsignore Stephan Wahl. Ich finde, das Lied ist eine gute musikalische Lösung. Wenn Sie nämlich wollen, dass eine große Gottesdienstgemeinde auf Anhieb ein Lied mitsingen kann, brauchen Sie etwas Hymnisches. Das ist beim Wallfahrtslied so: Es ist eingängig, hat eine heitere, ruhige Ausstrahlung und kann leicht mitgesungen werden. Ob davon aber 16-Jährige angesprochen werden, müssen wir abwarten …Sagt Ihnen der Name "Jupiter Jones" etwas? Ackermann: Nein. Das ist der Name einer deutschlandweit erfolgreichen Eifeler Band ...Ackermann: Frida Gold sagt mir etwas. Die treten nämlich während der Wallfahrt beim Jugendevent in Trier auf. Themenwechsel: Ist die Kirche immer nur eine vom Vatikan gesteuerte Weltkirche oder kann der Bischof sie gewissermaßen auch "regionalisieren"?Ackermann: Die Kirche besteht aus den Ortskirchen, ist also dezentral organisiert. Aber kirchliche Gemeinschaft ohne Verbindung zu Rom und damit zum Papst gibt es nicht. Das Problem bei einer Weltorganisation wie der katholischen Kirche ist, dass die Zentralisierungstendenz immer größer wird. Das liegt schon allein daran, dass durch die modernen Kommunikationsmittel alle Informationen in Echtzeit überall verfügbar sind. Kommt ein Thema auf, fragt sich jeder, was sagt denn Rom dazu. Aber: Unser Kirchenverständnis ist nicht, dass die Bischöfe die Abteilungsleiter des Papstes sind. Nutzen die Ortsbischöfe ihre Spielräume aus? Wäre es beim Thema Wiederverheiratete nicht denkbar, dass ein Bischof selbst Maßnahmen ergreift?Ackermann: Nein, das geht nicht. Wenn ich etwas tue, muss ich immer die Vernetzung mit der gesamten Gemeinschaft bedenken. Im Internetzeitalter ist jede Aktion direkt verbreitet. Beim Thema wiederverheiratete Geschiedene geht es ja auch um das Ehe-Sakrament und die Unauflöslichkeit der Ehe, ganz fundamentale theologische Punkte also, die aber eben mit den Biografien oftmals kollidieren. Das kann ich als Bischof nicht für mich alleine lösen. Wie man vor Ort pastorale Lösungen findet, um mit Menschen umzugehen, ist wieder etwas anderes. Aber natürlich können Bischofskonferenzen ein Thema stärker angehen und auch Rom vortragen. Warum machen Sie das denn beim Thema Wiederverheiratete nicht? Es scheint doch unter den deutschen Bischöfen weitgehend Konsens zu sein, sie wieder zu den Sakramenten zuzulassen…Ackermann: Es ist kein Thema, dass es ein Thema ist. Es gibt immer mehr Gläubige, die ein zweites Mal heiraten, auch Kinder bekommen und dadurch in Verantwortung stehen. Ich kann nicht nur sagen: Das ist bei uns nicht vorgesehen, wir haben keine Antwort darauf. Und wie geht es jetzt weiter?Ackermann: Es ist nicht so einfach, gute Lösungen zu finden. Wir müssen uns dieser Problematik aber intensiv stellen. Beim Dialogprozess zur Zukunft der Kirche wird auch darüber gesprochen. Knackpunkt ist, dass klar sein muss: Wir halten an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Das ist das Schwierige daran.Das klingt nicht so, als würden wir es noch erleben, dass sich in dem Punkt etwas bewegt …Ackermann: Ich bin da nicht so pessimistisch wie Sie. Das ist ähnlich wie bei der Ökumene, wo sich vielleicht Lösungen auftun, mit denen wir noch nicht rechnen.Früher gab es bei einer Wallfahrt einen Ablass. Warum verwehren Sie diesen jetzt den Gläubigen?Ackermann: Das stimmt so nicht. Wer nach Trier kommt, kann einen Ablass gewinnen, wie man das in traditioneller katholischer Sprache sagen würde. Darauf, vom Papst einen besonderen Ablass, etwa einen "Jubiläumsablass" zu erbitten, habe ich verzichtet. Damit sind wir wieder beim Thema Ökumene, denn der Kampf gegen den Ablasshandel gilt ja als Geburtsstunde der Reformation.Ackermann: Ich habe ja auch aus ökumenischer Rücksicht darauf verzichtet. Bei diesem Thema haben die evangelischen Christen natürlich stärker hingeschaut. Andererseits bekomme ich aber auch Kritik von Katholiken, obwohl das Thema in der Frömmigkeit der meisten Katholiken heutzutage kaum eine Rolle spielt. Stichwort Ökumene: Akzeptieren Sie eigentlich evangelische Landesbischöfinnen als kirchliche Kolleginnen von gleichem Rang? Ackermann: Natürlich akzeptiere ich sie als gleichrangige Gesprächspartner. Man darf aber nicht vergessen, dass evangelische Christen ein anderes Kirchen- und damit Amtsverständnis haben. Ihr Vorvorgänger im Amt, Bischof Hermann Josef Spital, konnte sehr gut mit dem damaligen evangelischen Präses Beyer. Wie gut können Sie mit dem jetzigen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider?Ackermann: Ich kann gut mit ihm. Dadurch, dass wir die Tradition haben, jedes Jahr an Buß- und Bettag zusammenzukommen, gibt es einen regelmäßigen Kontakt. Nach dem Gottesdienst an Buß- und Bettag im vorigen Jahr waren Präses Schneider und seine Frau bei mir zum Abendessen eingeladen, sie haben auch hier übernachtet. Da redet man natürlich nicht nur über hohe Theologie, sondern lernt sich auf ganz neue Weise kennen. Das hilft auch im ökumenischen Dialog. Wenn es theologisch sperrige Dinge gibt, entzweit dies nicht menschlich. Was mir immer deutlicher macht: Ökumene ist auch ein Beziehungsgeschehen. Dennoch tritt die Ökumene doch schon seit Jahren auf der Stelle, oder?Ackermann: Wenn Sie Kardinal Kasper zuhören, der seit vielen Jahrzehnten mit der Ökumene befasst ist, würden Sie so etwas nicht behaupten. Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten Gewaltiges an Fortschritten und Annäherung getan. Und so wird es weitergehen. Wahrscheinlich sind wir ungeduldiger geworden. Außerdem kommen wir in unserer pluralen Welt immer weniger daran vorbei, ein gemeinsames christliches Zeugnis zu geben, das führt auch zusammen. Worauf freuen Sie sich bei der Wallfahrt am meisten?Ackermann: Auf die Gottesdienste und die vielen Begegnungen mit Pilgerinnen und Pilgern.Haben Sie einen Geheimtipp für Besucher?Ackermann: Bei der letzten Wallfahrt war es von der Atmosphäre und der Form her das Abendlob. Was sollen die Menschen mitnehmen von der Heilig-Rock-Wallfahrt?Ackermann: Neue Freude und Dankbarkeit für den Glauben an Jesus Christus. Und ich wünsche mir, dass wir auch Menschen neugierig machen können auf die christliche Botschaft. -pf./seyDas komplette Interview zum Nachhören als Podcast finden Sie unter: volksfreund.de/extra