Es lebe König Kurt!

Sensationeller Triumph für die gebeutelte Sozialdemokratie: Die rheinland-pfälzischen Wähler haben der SPD die absolute Mehrheit beschert und Ministerpräsident Beck zu "König Kurt" gekürt. Mainz bleibt meins, mag sich der populäre Landesvater denken; er kann sogar ohne die FDP regieren.

Ob Beck seinen langjährigen Juniorpartner ausbootet, blieb am Wahlabend offen. Die Liberalen finden sich in einer ungewohnten Rolle wieder - sie sind als Königsmacher verzichtbar geworden. Heulen und Zähneknirschen bei der CDU, die schwere Verluste und ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt eingefahren hat. Herausforderer Christoph Böhr ist zum zweiten Mal desaströs - und damit endgültig - gescheitert beim Versuch, die Staatskanzlei zu erobern. Es spricht für ihn, dass er sofort die Konsequenzen aus dem Debakel gezogen und seine Ämter zur Verfügung gestellt hat. Der fragile Burgfrieden in der Landes-CDU wäre ohnehin rasch zerbrochen, Böhr kam der eigenen Demontage zuvor. Nicht verwunderlich der K.o. für die Grünen, die sich - ohne Stars wie Joschka Fischer - zu verflüchtigen scheinen. Wie erwartet verpasste die "große Unbekannte" WASG den Sprung in den Landtag, ebenso erneut die Freien Wähler. Das Ergebnis überrascht nicht wirklich angesichts der Vorgeschichte und eines Wahlkampfs ohne Esprit. Keine Wechselstimmung, nirgends. Kurt Beck regiert solide, im Ländervergleich liegt Rheinland-Pfalz in vielen Disziplinen auf der Überholspur. Hinzu kommt: CDU und SPD haben sich in Berlin schrecklich lieb - entsprechend leise geriet das Werben um die Wähler in Rheinland-Pfalz. Kein Rückenwind, kein Gegenwind. Windstille. Geschuldet der großen Schmuse-Koalition. Ein lauer Wahlkampf ohne wilde Attacken, eher ein Nichtangriffspakt - wie es sich für die neue Berliner Sachlichkeit geziemt. Die Volksparteien besetzen die gleichen Politikfelder; inhaltliche Differenzen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Böhr fahndete vergeblich nach einem Ersatz für das verlorene Feindbild Rot-Grün, Beck und seine Landespolitik boten kaum Angriffsflächen. Ganz zu schweigen davon, dass der vermeintliche "Kompetenzvorsprung" der Christdemokraten einem Großteil der Menschen im Land offenbar verborgen blieb. Es gelang Böhr nicht einmal, die Stammwähler der CDU zu mobilisieren. Die Wahlbeteiligung blieb insgesamt mau. Auch das ein Ausdruck der latenten Unlust im Volk, das gerade erst gestartete Berliner Großprojekt zu hinterfragen. Vor allem aber der Wunsch, in Mainz möge doch bitte alles so bleiben wie es ist. Die Qual der Wahl: Wenn die Inhalte scheinbar identisch sind, entscheiden die Köpfe. Ein Vorteil für Kurt Beck, der seine Popularität zum politischen Programm erklärt hat. Der leutselige Volkstribun lebt das Prinzip der Berliner Koalition: Seid nett zueinander. Er fülle die Rolle des Landesvaters aus wie eine Pfälzer Leberwurst die Pelle, spotten selbst Kritiker bewundernd. Da bleibt kein Raum für einen blassen Herausforderer, sich zu profilieren. Christoph Böhr ist das Image des ewigen Verlierers nicht losgeworden. Er ahnte die neuerliche Schlappe wohl voraus, folgerichtig trat er flugs den geordneten Rückzug von der politischen Bühne an. Auch der Abschied vom Amt als Bundes-Vize der CDU ist nur eine Frage der Zeit. Längst wird gemunkelt, der Trierer Philosoph habe die Fühler nach einem neuen Betätigungsfeld ausgestreckt: eine Stiftung möglicherweise, ein Job bei einem großen Medienunternehmen. Sicher ist: Böhr geht - als tragische Gestalt. Wer die Führungsrolle in der Landes-CDU an sich reißt, ist unklar. Weiland, Lohse, Baldauf - viele Namen werden gehandelt. Seit dem Putsch gegen Bernhard Vogel ("Gott schütze Rheinland-Pfalz") ist der Landesverband über Kreuz. Ein zerstrittener Haufen, in dem jeder seine Bombenteppiche legte, wie es Böhr beschrieb. Er ackerte, um für Ruhe zu sorgen. Doch die blieb immer trügerisch. Die Minenfelder sind nicht geräumt; nun werden die zugeschütteten Krater wieder aufgebuddelt. Ein Befreiungsschlag ist notwendig, wenn die Christdemokraten dereinst am Thron von "König Kurt" rütteln wollen. p.reinhart@volksfreund.de

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