"Es rechnet sich"

Längst nicht alle Betriebe in der Region sind in Sachen Familienfreundlichkeit so innovativ wie das Trierer Finanzamt. Kein Wunder, dass gerade von Mitarbeitern des Amtes ein Vorschlag zur Steuererleichterung für Kinderbetreuung kommt.

Trier. Das Trierer Finanzamt gilt unter den Behörden als eine der familienfreundlichsten in der Region. Als eine der ersten wurde unter dem als innovativ geltenden Amtsvorsteher Jürgen Kentenich ein Kinderbetreuungszimmer eingerichtet. Im Notfall können Mitarbeiter etwa ihr krankes Kind mitbringen und in dem zum Spiel- und Arbeitszimmer umfunktionierten Büro arbeiten, während sich die Kleinen mit dem ausrangierten Spielzeug, das der Chef persönlich mitgebracht hat, beschäftigen. Auch was die Arbeitszeitmodelle und die Kinderbetreuung in den Ferien angeht, gilt das Amt als fortschrittlich. Er mache das nicht nur aus reiner Menschenfreude, sagt Kentenich. Die Familienfreundlichkeit rechne sich auch. Auf diese Art und Weise habe er es geschafft viele qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wieder zurückzugewinnen. "Die wurden teuer ausgebildet, und nur weil sie keine familienfreundlichen Arbeitsbedingungen vorfanden, konnten sie nicht wieder in den Job zurückkehren", sagt Kentenich. Nicht nur die rheinland-pfälzische Familienministerin Malu Dreyer hat das Engagement des Trierer Finanzamtes mehrfach gelobt. Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zeichnete die Behörde als besonders familienfreundlich aus. Und kürzlich unterzeichnete Kentenich in Berlin im Rahmen der von der Bundesregierung initiierten Kampagne Erfolgsfaktor Familie zusammen mit anderen Unternehmen eine Erklärung, dass man sich zu einer familienbewussten Unternehmensführung bekenne. Daher wundert es nicht, dass gerade aus dem Trierer Finanzamt ein Vorschlag kommt, wie solche familienfreundlichen Betriebe, die eine eigene Kinderbetreuung anbieten oder ihren Mitarbeitern Zuschüsse dafür bezahlen, steuerlich entlastet werden können. Statt wie bisher nur die Betreuung von Kleinkindern soll künftig auch die von Schülern bis 14 (Behinderten bis 25) steuerfrei sein. "Durch die Gewährung betreuungsbezogener Leistungen sind neben dem gesellschaftlich wünschenswerten Engagement zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Arbeitgeber auch Vorteile bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter zu erwarten", heißt es in der Begründung zur Neufassung des Paragrafen 3 des Einkommenssteuergesetzes. Die Politik müsse endlich Farbe bekennen, wie ernst sie es mit der Familienfreundlichkeit meine, sagt der Finanzamtschef, der hinter dem Vorschlag seiner Mitarbeiter steht. Allerdings betont er immer wieder, dass es keine offizielle Initiative seines Amtes sei, das sich natürlich nicht politisch betätigen darf und zurückhalten muss. Allerdings dürfte der Vorschlag aus dem Hause Kentenich auch in Berlin nicht ungehört bleiben. Laut Martina Josten, Leiterin des Projekts Zeitzeichen, einem Informationsbüro für innovative Arbeitszeitmodelle, sind es oft nämlich bürokratische oder eben auch steuerliche Hemmnisse, die der Familienfreundlichkeit in Unternehmen entgegenstehen. Großunternehmen mit eigener Personalabteilung hätten es da einfacher, innovative Modelle zu entwickeln. Zwar sei das Thema Familienfreundlichkeit auch bei den kleineren mittelständischen Firmen angekommen. Doch reagiere man dort je nach Bedarf, wenn Eltern wegen der Kinder kürzertreten wollen oder ein Mitarbeiter wegen der Pflege der Mutter oder des Vaters Teilzeit arbeiten muss. "Es gibt in diesen Betrieben aber keine geregelte Familienfreundlichkeit", kritisiert die Projektleiterin. Das mache es gerade für Frauen, die nach der Erziehungszeit auf Job-Suche sind, schwer wiedereinzusteigen. Würde der Vorschlag wie der der Arbeitsgruppe Vereinbarkeit Beruf und Familie des Trierer Finanzamtes umgesetzt, wäre das vielleicht für das ein oder andere Unternehmen Anreiz, wirklich familienfreundlich zu werden.

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