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„Es stimmt nicht, dass halb Afrika auf gepackten Koffern sitzt“: Chef von Caritas International sieht keine akute Gefahr einer neuen großen Flüchtlingswelle

„Es stimmt nicht, dass halb Afrika auf gepackten Koffern sitzt“: Chef von Caritas International sieht keine akute Gefahr einer neuen großen Flüchtlingswelle

Millionen Menschen in Afrika sind auf der Flucht vor Krieg, Terrorismus und Hunger. Eine neue Flüchtlingswelle von dort droht dennoch nicht, sagt Oliver Müller, Chef von Caritas International. In Rheinland-Pfalz ist die Zahl der neuen Asylbewerber im Jahr 2016 drastisch gesunken.

In der Komödie "Willkommen bei den Hartmanns" erobert Bürgerkriegsflüchtling Diallo die Herzen der Zuschauer. Er erzählt vor einer schockierten Klasse von der schrecklichen Ursache für seine Flucht. Das ist die Filmszene, bei der das Lachen dem Entsetzen weicht. Sie gibt Einblick in die afrikanischen Staaten, die Experten "failed states" nennen.

"In diesen Ländern herrscht das vollkommene Chaos", sagt Oliver Müller, Chef von Caritas International. Das Katastrophenhilfswerk organisierte Nothilfen und Entwicklungsprojekte in mehr als 60 Ländern, davon vielen in Afrika. Fast alle hat Müller schon bereist.

"Es stimmt nicht, dass halb Afrika auf gepackten Koffern sitzt", ist der Theologe und Politikwissenschaftler überzeugt. Zwar gebe es kleine Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa. "Man darf aber nicht vergessen, dass die meisten Vertriebenen weltweit im Nachbarland ausharren, bis sie wieder zurückkönnen."

In der aktuellen Flüchtlingsstatistik von Rheinland-Pfalz belegen Asylbewerber aus Somalia und Eritrea die Plätze hinter Syrien, Afghanistan und dem Iran. Insgesamt s

ind im Oktober 732 Flüchtlinge neu ins Land gekommen, das ist die geringste Zahl im Jahr 2016. Zum Vergleich: Im Januar wurden 4546 neue Flüchtlinge gezählt. Nach Auskunft des Landes sind in diesem Jahr bislang 6064 abgelehnte Asylbewerber ausgereist, überwiegend in den Westbalkan und meist freiwillig (5364).

Der Zustrom nach Europa über das Mittelmeer schwillt nach der Schließung der Balkanroute an. Mehr als 160.000 Menschen aus Afrika, vor allem aber aus Syrien und Afghanistan, haben den gefährlichen Weg über das Wasser gesucht. Mindestens 3500 von ihnen sollen nach Schätzungen von Hilfsorganisationen dabei ertrunken sein.

Die rheinland-pfälzische Inte8grationsministerin Anne Spiegel sieht in den Flüchtlingen aus Afrika keine außergewöhnlichen Herausforderungen für das Land. "Die Asylsuchenden aus Somalia und Eritrea unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen nicht von Flüchtlingen aus anderen Regionen. Sie werden in derselben Weise wie alle anderen Flüchtlinge aufgenommen und betreut."

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Teure Almosen helfen nicht: Warum Europa von einer guten Entwicklungshilfe für Afrika profitiert

Von Rainer Neubert

Für Europa ist es ein Glück, dass es die Sahara gibt. Wer zu Zynismus neigt, könnte mit einem solchen Satz durchaus begründen, warum sich die Zahl der Flüchtlinge aus Afrika trotz der dramatischen Situation in einigen Ländern des "schwarzen Kontinents" nicht dramatisch erhöht hat.

Der wirkliche Grund für das Ausbleiben der von Pessimisten prophezeiten Völkerwanderung in Richtung Europa liegt aber weniger an der gefährlichen Durchquerung der größten Trockenwüste der Erde. Die Menschen in den von Gewalt, Chaos und Willkür gepeinigten Regionen wie Burundi, Ostkongo, Somalia oder Eritrea haben schlicht nicht die Mittel, um Schleuser für die Fahrt an die Küste und über das Mittelmeer zu bezahlen. So harren sie in riesigen Camps aus - es sind Großstädte des Elends - und hoffen, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Aber warum greift nicht die milliardenschwere Entwicklungshilfe aus Europa und dem Rest der wohlhabenderen Welt, um in Afrika mehr Länder überlebensfähig zu machen? Flüchtlingsexperten wie der Trierer Afrika-Aktivist Johannes Michael Nebe und Caritas-International-Chef Oliver Müller machen die unabgestimmte Almosenpolitik, vor allem aber das von wirtschaftlichen Interessen geprägte Handeln der Staatengemeinschaft dafür verantwortlich. Sie legen den Finger zu Recht in eine Wunde, die leider nur die Menschen in Afrika schmerzt.

Geld an von Eliten und Despoten regierte Staaten fördert nicht die Fähigkeit der Bevölkerung, das Leben zu meistern und die regionale Wirtschaft zu festigen und zu stärken. Im Gegenteil: Korruption, Ungerechtigkeit und Unterdrückung werden so finanziert.

Entwicklungshilfe hat diesen Namen nur verdient, wenn sie für Hilfe zur Selbsthilfe steht. Afrika benötigt zudem faire Partner in Europa und keine wirtschaftliche Bevormundung, zum Beispiel durch Import billiger Nahrungsmittel, der afrikanische Bauern ruiniert, weil sie ihre eigenen Produkte nicht mehr verkaufen können.

Die Festung Europa rüstet sich gegen Flüchtlinge. Armut, Wüste und Mittelmeer werden langfristig nicht Bollwerke genug sein gegen Menschen, die keinen anderen Ausweg kennen. Noch ist Zeit, dass es nicht so weit kommt.