Etwas faul im Staate?

Es scheint, als sei etwas faul im Staate Deutschland. Während in den Medien der Eindruck erweckt wird, als sei die Personalie Gerster die Schicksalsfrage der Nation, bringt Bundesinnenminister Schily das gesamte Bundeskriminalamt in Aufruhr, steht Deutschlands Elite wegen Raffgier vor Gericht, irrlichtert die Union um den Steuerbrei, pokern die Spitzen des Staates um das Präsidentenamt, pfänden bayerische Behörden die Gruft der CSU-Ikone Strauß, bestätigt die Firma "Takko" aus Telgte die Horrorvision des Autors Aldous Huxley, indem sie "alte Leute" aus ihrer schönen neuen Betriebswelt verbannen will.

Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit. Die Verirrungen privater Fernsehsender, die im gezielten Tabubruch ihr Quotenheil suchen, sind etwa nicht berücksichtigt, obwohl auch sie die gesellschaftliche Atmosphäre beeinflussen. Die Aufzählung der Schlagzeilen aus nur einer Woche taugt aber durchaus zur Beschreibung der allgemeinen Verunsicherung. Nachdem die "Agenda" des Bundeskanzlers ihre Zangengeburt überlebt hat und die rot-grüne Regierung nach dem trostlosen Jahr 2003 einen Neuanfang starten wollte (zum wievielten Mal?), muss die Bevölkerung nun abermals eine Enttäuschung verkraften. Die Steuerreform verändert den Kontostand der Bürger nur unwesentlich, dafür sorgen die Kosten und Nebenwirkungen der Gesundheitsreform für Verdruss. Die Nachbesserungen sind eine Fortsetzung hinlänglich bekannter Regierungskunst, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass einige der Zumutungen auf Vorschlag der Union erfolgt sind. Auch die chaotische Steuerdebatte zwischen CDU und CSU beraubt einen der Illusion, dass die Opposition eine bessere Figur machen würde, stünde sie selbst in der Verantwortung. Gerster, der nicht an den Beraterverträgen, sondern an sich selbst und seiner Arroganz gescheitert ist, steht sinnbildlich für den Niveauverfall eines Landes, das auf wissenschaftlichem, wirtschaftlichem und sportlichem Gebiet den Anschluss verloren hat. Er ist - wie auch die Angeklagten im Mannesmann-Prozess - Teil jener feinen Gesellschaft, die wesentlich zur politischen Inversions-Wetterlage in Deutschland beigetragen hat. Sie ist gekennzeichnet durch mangelnden Luftaustausch, sokönnen sich auf der Erde wie unter einer Käseglocke Dunst und Staub verdichten. Unser Land leidet unter "geistiger Luftverschmutzung". Es entwickelt sich zunehmend zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die Beschäftigten immer abhängiger werden und die Eliten völlig losgelöst der Champagnerkultur frönen. Mitverantwortlich für den Zustand der Nation sind auch Personen wie Otto Schily, die in Gutsheerenart Politik machen. Steuerflüchtlinge wie Boris Becker, die den kleinen Mann die Zeche zahlen lassen. Wirtschaftsführer wie Ackermann, die das Gemeinwohl aus den Augen verloren haben. Wenn nicht bald jemand gegensteuert, werden die Takkos stilbildend sein und die Ackermänner triumphieren. Dann leben wir in einem Land, das mit der Konsensgesellschaft der Nachkriegszeit nicht mehr viel zu tun hat. nachrichten.red@volksfreund.de