Europa erleben

Wer heute über das Verhältnis zwischen Luxemburg und der Region Trier nachdenkt, ist gut beraten, 20 Jahre zurückzublicken. Damals standen die Autoschlangen an den Kontrollhäuschen des Zolls in Wasserbillig, Rosport oder Wellen.

Deutsche Arbeitnehmer in Luxemburg konnte man an den fünf Fingern einer Hand abzählen, Aufträge aus Luxemburg für Trierer Unternehmen genauso. Wer ein Theater-Abo in Luxemburg wollte, durfte reihenweise Anträge ausfüllen, wer in Ettelbrück essen gehen wollte, musste vorher eine Wechselstube aufsuchen. Und viele Luxemburger mieden den Einkauf in Trier, weil das Misstrauen aus Kriegstagen längst nicht überwunden war. Wem es heute zu langsam geht mit dem trierisch-luxemburgischen Zusammenwachsen, sollte mal mit seinen Kindern reden. Wenn sie nicht wesentlich älter als 20 sind, werden ihnen die eingangs geschilderten Phänomene wie Geschichten aus einer anderen Welt erscheinen. Die Region Trier erlebt Europa. Hautnah. Die Grenzen sind weg, die Chancen sind da. Natürlich auch Risiken, doch die gibt es bei jedem Fortschritt. Aber eine echte, gemeinsame Region wird nur entstehen, wenn die Menschen jenseits wirtschaftlicher Interessen auch persönlich zueinander finden. Es gibt viele tolle Beispiele, vor allem entlang der Grenzflüsse. Aber noch ist Luxemburg für viele Trierer (und natürlich auch umgekehrt) ein fremdes Terrain, von dem man viel zu wenig weiß, und in dem man nur winzige Teilbereiche kennt. Damit sich das ändert, sind auch die Medien in der Pflicht. Aus dieser Idee ist die Serie "Nachbarn ohne Grenzen" entstanden, die - ein Novum nicht nur in unserer Region - gemeinsam durch Journalisten von beiden Seiten der (ehemaligen?) Grenze erarbeitet wird. Sie soll die Chance bieten, den jeweiligen Nachbarn besser kennen zu lernen. Nicht zuletzt, damit das Kulturhauptstadtjahr, dessen Eröffnung den Schlusspunkt zur Serie setzt, mehr wird als ein Strohfeuer. d.lintz@volksfreund.de