Existenzielle Bedeutung

Schlechtere Arbeitsbedingungen, geringere Aufstiegsmöglichkeiten, von finanziellen Einbußen ganz zu schweigen: Teilzeitarbeit ist in Deutschland meist alles andere als attraktiv. Weil es oft die einzige Möglichkeit ist, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen, entscheiden sich dennoch viele Erwerbstätige - fast immer Frauen - für diese Beschäftigungsform. Mit der Folge, dass in so manchem Betrieb nicht nur tatsächlichen, sondern auch potenziellen Müttern der Weg nach oben verbaut ist, frei nach dem Motto: "Die kriegt ja sowieso bald Kinder." Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Königsweg: Mutter und Vater übernehmen Kindererziehung und Erwerbsarbeit je zur Hälfte. Damit stiegen nicht nur das Ansehen der Familienarbeit und die Zufriedenheit der Frauen (oft auch die ihrer Partner). Ganz nebenbei würde sich so endlich auch die Präsenz von Frauen in den Führungsetagen vergrößern, denn die Personalchefs hätten bei Männern wie Frauen das gleiche Risiko von "Ausfallzeiten" durch Kindererziehung. Doch man muss kein Pessimist sein, um zu sehen, dass dieses etwa in skandinavischen Ländern erfolgreich praktizierte Modell bei uns derzeit keine Chance hat. Hierzulande verdienen Frauen im Durchschnitt immer noch so viel weniger, dass eine Vollzeit-Tätigkeit des Mannes in vielen Familien eine finanzielle Notwendigkeit ist. Und Väter, die ihren Kindern den Brei anrühren, mit ihnen auf dem Spielplatz herumtollen und schmutzige Hosen waschen, anstatt im Büro zu sitzen, stoßen bei vielen Zeitgenossen - besonders bedauerlich: auch bei vielen weiblichen - auf hochgezogene Augenbrauen. An einen baldigen Mentalitätswechsel zu glauben, wäre schlicht naiv. Was also tun? Es gibt Lösungsansätze diesseits der Maximalforderung "gerechte Aufteilung der Arbeit zwischen Mutter und Vater". Der eine, allseits bekannte, lautet: bessere Betreuungsmöglichkeiten schaffen. Der andere: Teilzeitbeschäftigung attraktiver machen. Wer halbtags arbeitet, bringt eben nicht bloß die halbe Leistung, sondern ist - das bestätigen selbst Kritiker - tendenziell motivierter als Vollzeitkollegen. Wie sehr Deutschland bei diesem Thema hinterherhinkt, zeigen Studien aus den USA, die teilzeitbeschäftigten Führungskräften (!) beste Zeugnisse ausstellen. Teilzeitarbeit anzubieten darf keine Goodwill-Aktion von Arbeitgebern sein; der vor drei Jahren eingeführte Anspruch darauf geht deshalb in die richtige Richtung - bei allen damit verbundenen, aber keineswegs unlösbaren Problemen. Denn nicht-diskriminierende Teilzeitangebote sind nicht nur gesellschaftlich wünschenswert, sie besitzen vor dem Hintergrund der niedrigen Geburtenrate geradezu existenzielle Bedeutung. Grundsätzlich möchten heute nämlich genauso viele Frauen wie vor zehn oder 20 Jahren Kinder haben - doch die Bereitschaft, sich diesen Wunsch um jeden Preis zu erfüllen, nimmt angesichts des steigenden Ausbildungsniveaus ab. i.kreutz@volksfreund.de