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Experte im Interview: "Zu hohe Ansprüche, zu wenig Kontrolle":

Experte im Interview: "Zu hohe Ansprüche, zu wenig Kontrolle":

Dass Rüstungsprojekte sich verzögern und viel teurer werden als geplant, ist typisch, sagt der Hamburger Rüstungsexperte Michael Brzoska. Er bemängelt fehlenden Wettbewerb und fordert mehr politischen Willen zur Kontrolle.

Dass ausgerechnet das gescheiterte Projekt Euro Hawk als Skandal empfunden wird, findet Rüstungsexperte Prof. Dr. Michael Brzoska von der Uni Hamburg ironisch. Schließlich wurde das - zwar 600 Millionen Euro teure - Drohnenprojekt gestoppt. Andere Rüstungsprogramme hingegen laufen - wie beim Puma - einfach weiter und kosten den Steuerzahler viel Geld. Unsere Redakteurin Katharina Hammermann hat mit dem Wissenschaftler darüber gesprochen, was in der Branche schiefläuft.

Der Puma kommt nicht in die Puschen. Überrascht Sie das?
Michael Brzoska: So etwas ist relativ typisch. Es kommt häufig vor, dass Rüstungsprojekte teurer werden und länger dauern als geplant, weil ein Produkt mit Fehlern behaftet ist und geändert werden muss.

Woran liegt das?
Brzoska: Erstens: Es geht fast immer um Produkte, die so noch nie gebaut wurden. Man will etwas Neues, technisch Anspruchsvolles haben. Das ist ein Risiko, das oft zu Kostenüberschreitungen führt. Zweitens ist schon vorneweg relativ klar, welche Rüstungsfirma den Auftrag bekommt. Da die Aufträge in Deutschland vergeben werden, fehlt der Wettbewerb. Die Firmen können sicher sein, dass sie im Geschäft bleiben, auch, wenn es nicht gut läuft. Und so fehlt der Anreiz, Sachen schneller abzuwickeln. Der dritte Faktor ist, dass die Beschaffungsbehörden, die Politiker und die Rüstungsindustrie ein gemeinsames Interesse an solchen Projekten haben. Zum Teil kommen die Politiker aus Wahlkreisen, in denen die Firmen liegen. Probleme und Kosten werden daher kleiner dargestellt, als sie sind. Es findet zu wenig Kontrolle statt.

Was kann man dagegen tun?
Brzoska: Wir brauchen mehr Wettbewerb. Es ist zu kleinkariert, Verträge nur innerhalb Deutschlands zu vergeben. Die EU-Ebene wäre richtig.

Was müsste denn passieren, damit der Kauf eines Panzers mehr dem Kauf eines Autos ähnelt?
Brzoska: Die Bundeswehr müsste bereit sein, Dinge zu akzeptieren, die nicht neueste Hochtechnologie sind. Dieser Puma soll einfach zu viel können. Da wurden zu viele Forderungen gestellt. Warum hat man nicht einfach den Marder verbessert? Das wäre immer noch viel besser als alles, was die Taliban haben. Ich nenne das Bronze-Technologie.

Ist der Puma also ein Luxusprojekt?
Brzoska: Einen Schützenpanzer braucht jede Armee. Das gehört zur Grundausstattung. Die Frage ist aber, ob er so gut gepanzert und so stark bewaffnet sein muss, dass er einem Gegner gewachsen ist, der auch mit Panzern kämpft. Muss die Bundeswehr wirklich für einen Krieg mit Russland gerüstet sein? Oder reicht es, wenn man in Afghanistan und Libyen zurechtkommt?

Warum löst denn niemand diese Probleme?
Brzoska: Es gibt Reformbemühungen. In den Behörden ist das - auch durch die Drohnendebatte - auf einem guten Weg. Aber im Parlament scheint sich nicht viel zu ändern. Es ist Konsens, dass Deutschland in der Lage sein soll, Schützenpanzer zu bauen. Dann kommt man an den deutschen Herstellern nicht vorbei - selbst wenn sie Mist bauen. Die Abgeordneten müssten sich stärker für dieses Thema interessieren. Und zwar nicht nur die, die ihrer Region Aufträge verschaffen wollen. Es wäre Aufgabe der Fraktionsführung, etwas gegen diesen Klüngel zu unternehmen. kah

Prof. Dr. Michael Brzoska ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Themen Rüstungskontrolle und die Europäisierung der Rüstungsproduktion. kah

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