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Experten reagieren überwiegend positiv auf "Arbeitslosengeld Q"

Experten reagieren überwiegend positiv auf "Arbeitslosengeld Q"

Berlin Was taugt der am Montag vom SPD-Parteivorstand verabschiedete Plan für ein "Arbeitslosengeld Q"? Fachleute reagieren überwiegend positiv, wie eine kleine Umfrage unserer Redaktion ergab. Zunächst hatte der designierte Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, nur einer bloßen Verlängerung des Arbeitslosengeldes I das Wort geredet.

Das kam bei Arbeitsmarktexperten schlecht an. Längere Bezugsdauer bedeute de facto auch längere Arbeitslosigkeit, warnte zum Beispiel Joachim Möller, Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. In dem konkretisierten SPD-Plan, die Verlängerung der Stütze mit Qualifizierungsmaßnahmen zu kombinieren - deshalb "Arbeitslosengeld Q" -, sieht Möller nun einen positiven Ansatz. "Den Anspruch auf berufliche Weiterbildung zu stärken, ist eine gute Idee, die in die Zeit passt". Gerade längerfristige Qualifizierungsmaßnahmen seien sehr wirkungsvoll. Die Chancen von Arbeitslosen, mit einer zweijährigen Umschulung wieder einen Job zu finden, seien um 20 Prozent höher im Vergleich zu Arbeitslosen ohne eine solche Nachqualifizierung, erklärte Möller. Das belegten einschlägige Untersuchungen. Die Herausforderung seitens der Arbeitsagenturen bestehe allerdings darin, den Betroffenen passgenaue Angebote zu machen. Ansonsten drohe die Wirkung zu verpuffen, so Möller..
Auch Karin Schulze-Buschhoff vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sieht in der Art der Qualifizierung den Schlüssel für einen Erfolg oder Misserfolg. "Es sollte eine abschlussorientierte Maßnahme sein und keine Alibi-Veranstaltung. Die Leute dürfen nicht am Markt vorbei qualifiziert werden", sagte Schulze-Buschhoff.
Genau diese Gefahr sieht der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Karl Brenke. "Was wir nicht brauchen, ist, irgendwelchen Leuten noch einen Gabelstapler-Schein zu verschaffen", so Brenke. Daher sei es auch nicht sinnvoll, dass die Arbeitsagenturen, wie im SPD-Plan vorgesehen, nach drei Monaten verpflichtend ein Qualifizierungsangebot unterbreiten müssten, falls die Betroffenen bis dahin keine neue Stelle gefunden hätten. "Unter diesem zeitlichen Druck werden dann Maßnahmen angeboten, die den Arbeitslosen möglicherweise gar nicht helfen", prophezeite Brenke.
Die Vorstellungen der SPD sind zwar ausdrücklich auf alle Arbeitslosen gemünzt. Doch könnte eine Qualifizierungsoffensive wohl insbesondere den älteren Erwerbslosen zugutekommen. Das legen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nahe. Wie ein BA-Sprecher auf Anfrage erklärte, findet nur die Hälfte (51 Prozent) der über 55-Jährigen Arbeitslosen innerhalb eines Jahres wieder einen Job. Unter allen Arbeitslosen sind es dagegen fast zwei Drittel, nämlich 63 Prozent. Immerhin 28 Prozent der über 55jährigen sind nach ihrer Entlassung länger als zwei Jahre ohne neue Beschäftigung. Unter allen Arbeitslosen liegt dieser Anteil nur bei 21 Prozent.
Bleibt der Vorwurf, dass eine qualifizierungsbedingte Verlängerung des Arbeitslosengeldes um bis zu zwei Jahre, wie es der SPD vorschwebt, womöglich ein Einfallstor für eine neue Frühverrentungswelle ist.
Das sei nicht von der Hand zu weisen, meinte Schulze-Buschhoff. Für Abhilfe könnten aber stärkere Vermittlungsbemühungen der Arbeitsagenturen auch bei älteren Erwerbslosen sorgen.