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Expertin: Opfer müssen reden dürfen

Expertin: Opfer müssen reden dürfen

Die vom Trierer Bischof Stephan Ackermann angekündigte bundesweite Telefon-Hotline zur Information in Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger startet am 30. März. Die Psychologin Dorothee Lappehsen-Lengler arbeitete an der Konzeption mit. Der TV sprach mit der Expertin und einem Missbrauchsopfer.

Trier. "Ich bin als Junge von einem Kaplan missbraucht worden", sagt ein erwachsener Mann aus der Eifel. Seine Haare sind teilweise ergraut, er hat Familie und ist erfolgreich im Beruf. Die Berichte über den sexuellen Missbrauch von Ex-Messdienern in einer Trierer Pfarrei haben auch sein "Geheimnis" wieder hervorgeholt - und ihn aufgewühlt. Nach 40 Jahren hat er sich erstmals einem Familienmitglied anvertraut. Dass er jetzt darüber sprechen könne, erleichtere ihn.

Erkannt hat er, dass sich die Angst vor Nähe und Berührung seit den "Erlebnissen in der Sakristei" wie ein roter Faden durch sein Leben zieht. "Durch die Berichterstattungen reißen bei vielen Opfern Wunden auf", sagt Dorothee Lappehsen-Lengler, Leiterin der Lebensberatungsstelle Saarbrücken und Expertin bei der therapeutischen Arbeit mit Opfern sexuellen Missbrauchs. Sie arbeitet an der Erstellung der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz mit. Die täglich neuen Meldungen über Missbrauchsfälle seien ermutigende Signale, zu reden. "Die Opfer merken, dass sie nicht die Einzigen sind, die missbraucht wurden." Aus ihrer Beratungserfahrung weiß Lappehsen-Lengler, dass die Gründe für das Schweigen vielfältig sind: Auf vielen Opfern lastet ein Geheimhaltungsdruck. Sie schämen sich und fühlen sich mitschuldig, sie möchten den Täter und das System schonen. "Und sie haben Angst, dass ihnen niemand glaubt." Für einige Opfer ist das jahrelange Nicht-Erinnern auch eine Überlebensstrategie.

Wie schwerwiegend die seelischen Verletzungen sind, hängt laut Lappehsen-Lengler von einigen Faktoren ab: den Taten, der Häufigkeit des Missbrauchs, dem Hilfssystem, das zur Verfügung steht, und der Enge der Beziehung zwischen Opfer und Täter. "Je enger die Beziehung ist, umso schwerwiegender der Missbrauch!" Die Expertin wählt ein Bild aus der Medizin: "Es gibt Verletzungen, die alleine heilen - vergleichbar mit Hautschürfungen. Andere können professionelle Behandlung erfordern, um auszuheilen - ähnlich einem Knochenbruch. Und es gibt Verletzungen, die trotz Hilfen Behinderungen zurücklassen - wie eine Lähmung."

Gemeinsam sei allen Missbrauchsopfern, dass sie einen großen Vertrauensverlust erleiden würden - in sich selbst und in die Mitmenschen. Durch den sexuellen Missbrauch durch Geistliche, "die einen hohen Vertrauensvorschuss haben", gehe das Gefühl der Geborgenheit in die Welt verloren. Denn Priester repräsentierten die Moral und die Geborgenheit in den Kosmos. "Missbrauchsopfer brauchen ein gutes Unterstützungssystem: Sie müssen reden dürfen, und sie brauchen Menschen die ihnen glauben!" In Gesprächen oder Therapien sei wichtig, klarzustellen, dass die Verantwortung für die Tat einzig beim Täter liege. "Denn typisch ist, dass die Opfer oft nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist."

In der derzeitigen Situation sieht Lappehsen-Lengler eine große Chance: dass viele Opfer ihr Schweigen brechen und dass es zu mehr Wachsamkeit und Zivilcourage kommt. "Nicht die Aufdecker sind die Bösen, sondern die Schädiger haben sich die Folgen zuzuschreiben", betont die Psychologin.

Kontakt: Lebensberatung Saarbrücken, Dorothee Lappehsen-Lengler, Telefon 0681/66704, E-Mail: lb.saarbruecken@bistum-trier.de