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Fast jeder sechste US-Bürger lebt in Armut

Fast jeder sechste US-Bürger lebt in Armut

Neue Herausforderung für den amerikanischen Präsidenten: Neben Schulden und Rezession wird Obama jetzt auch mit den neuesten Armutszahlen konfrontiert. Demnach leben mehr als 46 Millionen Amerikaner unter der Armutsgrenze.

Washington. Mit markigen Worten hatte US-Präsident Barack Obama am Dienstag eine Lösung des Euro-Dramas um Griechenland angemahnt. Nur Stunden später lieferten ihm US-Statistiker einen neuerlichen Beleg für das Ausmaß der Konjunktur- und Arbeitsmarktkrise vor der eigenen Haustür: Die Zahl der in Armut lebenden Bürger hat mit 46,2 Millionen den höchsten Stand seit 1959 erreicht, als erstmals Daten zur Einkommensituation der Bevölkerung erhoben wurden. Mittlerweile lebt einer von sechs US-Bürgern unter der Armutsgrenze, die für eine vierköpfige Familie bei 22 314 US-Dollar (umgerechnet etwa 16 500 Euro) liegt.
Auch die Details des jüngsten Zensus, der sich auf das Jahr 2010 bezieht, dürften dem Präsidenten wenig Freude bereiten: Noch nie seit Beginn der Datenerhebung war die Zahl der in Armut lebenden Kinder im Land mit 22 Prozent so hoch, und die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung erreichte mit 49,9 Millionen (16,3 Prozent der Bevölkerung) ein Rekordniveau für die vergangenen 20 Jahren.
Diese Zahlen unterstreichen die Schwere der Herausforderung für Barack Obama, der es seit Amtsantritt nicht geschafft hat, die Arbeitslosenquote dauerhaft unter neun Prozent zu drücken, und der derzeit den Kongress drängt, ein neues von ihm vorgelegtes Beschäftigungspaket im Umfang von 447 Milliarden Dollar zu verabschieden, nachdem sein früheres "Stimulus"-Programm die erhoffte Wirkung verfehlte.
Die jetzt vorgelegte Armutsbilanz wäre noch dramatischer ausgefallen, hätte der Kongress nicht 2009 auf Drängen des Weißen Hauses neue Hilfen für Arbeitslose verabschiedet, die eine Lohnfortzahlung nach einem Jobverlust für 99 Wochen vorsehen. Ohne dieses Programm wären zusätzlich 3,2 Millionen Bürger unter die Armutsgrenze gefallen, sagen die US-Statistiker. Ihre Warnung: Sollten die staatlichen Sozialprogramme von den Volksvertretern beschnitten werden, droht eine Ausweitung der Armenzahl im Land. Auch hat sich die Kluft zwischen Reich und Arm weiter vergrößert: Zwar fiel das Durchschnittseinkommen jener Amerikaner, die zu den Wohlhabenden gezählt werden, um 1,2 Prozent auf "nur" noch 180 000 US-Dollar (knapp 130 000 Euro). Doch das unterste Fünftel der US-Haushalte in der Verdienstskala (unterhalb 20 000 Dollar, umgerechnet 14 500 Euro) erreichte eine Einkommensreduzierung um gleich vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr.Meinung

Armes Amerika
Der jüngste Appell von US-Präsident Barack Obama an die Europäer, sich bei der Debatte um Griechenland und die Zukunft der EU am Riemen zu reißen, kommt zu einem Zeitpunkt, wo man das Weiße Haus durchaus als Glashaus bezeichnen kann - und die Abmahnungen Obamas schon eine Spur von Ironie beinhalten. Denn die bisherige Bilanz seiner Amtszeit zeigt - auch durch den Absturz in der Wählergunst verdeutlicht - dass auch er seine Hausaufgaben bisher nicht erledigt hat. Zur Rekord-Staatsverschuldung und hartnäckig hohen Arbeitslosigkeit gesellt sich jetzt noch die Rekord-Armut im Land. Immer mehr Bürger sind von staatlichen Auffangnetzen abhängig, der Graben zwischen Arm und Reich vergrößert sich - das ist aus Sicht auch der demokratischen Basis nicht jener Wandel, den Obama einst im Wahlkampf versprochen hatte. Natürlich waren die Erwartungen an die Heilungskräfte des messianischen Aufsteigers aus Chicago enorm, wenn nicht sogar überzogen. Und seit den Kongress-Zwischenwahlen zeigen sich die Republikaner vor allem an Blockade und nicht politischen Lösungen interessiert. Doch heute rächt es sich für den Präsidenten erneut, nicht die Arbeitsmarkt-Lage zur Priorität seiner ersten zwei Jahre gemacht zu haben, als er noch über demokratische Mehrheiten im Kongress verfügte. Zwar bietet die ernüchternde Armutslilanz nun für ihn die Chance, mehr Druck für die Verabschiedung seines zweiten geplanten Job-Pakets zu machen. Doch die Blößen sind gleichzeitig unübersehbar: Für die Republikaner, die sich mittlerweile auf Obamas Probleme bei der Wirtschaftsankurbelung eingeschossen haben, sind die deprimierenden neuen Daten ein gefundenes Fressen. nachrichten@volksfreund.de