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Fatal verzockt - Theresa May steht vor dem Scherbenhaufen ihrer Politik

Fatal verzockt - Theresa May steht vor dem Scherbenhaufen ihrer Politik

Analyse: Sie versprach den Briten eine "starke und stabile Führung" für die Brexit-Verhandlungen. Doch die Wähler konnte sie damit nicht überzeugen.

London (dpa) Mit bleichem Gesicht und zitternder Stimme tritt Premierministerin Theresa May am frühen Freitagmorgen ans Rednerpult in ihrem Wahlkreis Maidenhead. Ihren Frust kann sie nicht verbergen. Bei der britischen Parlamentswahl verfehlte sie nicht nur den geplanten klaren Sieg, sondern büßte auch noch ihre Regierungsmehrheit ein.
Ohne Not hatte sie im April eine Neuwahl angekündigt, ermutigt durch schlechte Umfragewerte der oppositionellen Labour-Partei. Die Rechnung ging nicht auf, wie die Auszählung der Stimmen am Freitag ergab: Die Wähler verpassten der Konservativen eine schallende Ohrfeige. Zurücktreten wolle sie aber wohl nicht, hieß es am Freitag.
Als May antrat, wurde sie als Margaret Thatcher mit Herz gefeiert. Doch es gelang ihr nicht, die Bevölkerung zu einen. Sie forderte einen harten Brexit mit Austritt aus dem Europäischen Binnenmarkt und der Zollunion. Dass fast die Hälfte der Briten beim Brexit-Referendum im vergangenen Jahr für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte, ignorierte sie. Ihre Aufrufe zur Einheit blieben hohl.
Labour-Chef Jeremy Corbyn fand hingegen immer mehr Anhänger. Keine Studiengebühren, bessere Gesundheitsversorgung, höhere Steuern für Reiche: Der Altlinke kämpft wie eine Art Robin Hood dafür, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Sein Konzept spricht vor allem junge Briten an. Manche sagen, er hätte die Labour-Partei mit seinen Anhängern regelrecht gekapert. Mit den schmutzigen Tricks der Politik will er nichts zu tun haben. Dass er in seinem Wahlprogramm 10 000 Polizisten mehr verspricht, kam bei den Wählern mit Blick auf die Terroranschläge der letzten Wochen gut an.
Dagegen wurde im Wahlkampf so manches Hühnchen mit der 60-jährigen May gerupft. Sie war als frühere Innenministerin für den starken Personalabbau bei der Polizei mitverantwortlich. Auf starke Kritik stießen auch ihre widersprüchlichen Aussagen zum Brexit und zur Neuwahl, die sie ursprünglich nie halten wollte. Ein Protestsong der Band Captain Ska schaffte es sogar in die britischen Charts. Darin singt ein Chor: "She's a liar, liar ... No you can't trust her..." ("Sie ist eine Lügnerin, Lügnerin ... du kannst ihr nicht trauen").
Im Fernsehen zogen die politischen Gegner kräftig über die Konservative her, ohne dass sie sich wehren konnte - sie hatte zuvor die Teilnahme an gemeinsamen Fernseh-Duellen abgelehnt. Bei Einzelauftritten wurde sie nicht selten vom Publikum ausgelacht. Geplante Einschnitte bei pflegebedürftigen Senioren bekamen von der Opposition das Etikett "Demenzsteuer" verpasst. Kommentatoren in Medien warfen ihr zudem mangelhafte wirtschaftliche Kenntnisse vor.
Hinzu kommt, dass May als Person nicht ein Sympathieträger ist; sie polarisiert stark. Auf viele wirkt sie herzlos und eiskalt. "Das ist ja nicht unbedingt die Frau, mit der man ein Dinner haben möchte", lästerte ein Politikwissenschaftler vor Journalisten in London. Ihre mantrahaft wiederholten Phrasen brachten ihr den Spitznamen "Maybot" - eine Mischung aus May und Roboter. Corbyn wusste Mays Schwächen auszunutzen. Im Wahlkampf war er ganz in seinem Element. Anders als seine Widersacherin scheute er sich nicht vor Fernseh-Debatten. Jahrzehntelange Erfahrung als Redner auf zahllosen Demos zahlten sich aus.
Es gelang ihm, den Vorsprung der Konservativen bis auf wenige Prozentpunkte schrumpfen zu lassen. Was Mays Schlappe für die Austrittsverhandlungen mit der EU bedeutet, ist ungewiss. Niemand weiß, ob unter diesen schwierigen Umständen bis zum März 2019 tatsächlich ein geordneter und für alle Seiten erträglicher EU-Austritt des Vereinigten Königreichs gelingt. Brüssel wollte mit den Verhandlungen bereits am 19. Juni beginnen. Aber wird May bis dahin eine Regierung zustande bekommen, die am Verhandlungstisch ihre Positionen mit Nachdruck vertreten kann? Gibt es gar nochmals Neuwahlen und damit eine weitere monatelange Hängepartie? Brüssel blickt mit Unruhe auf Großbritannien.