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Fehler in der Absturzmaschine bereits vor der Katastrophe bekannt

Fehler in der Absturzmaschine bereits vor der Katastrophe bekannt

Die Vorwürfe gegen die Fluggesellschaft Luxair im Zusammenhang mit dem Absturz einer Propellermaschine vor neun Jahren werden immer deutlicher. Luxair hat den Flugzeugbauer acht Jahre vor dem Unglück auf den verhängnisvollen Mangel, der zur Katastrophe geführt hat, hingewiesen - aber sonst nichts unternommen.

Luxemburg. Claude Poeckes blickt nach unten. Nur ab und zu während der über zweistündigen Vernehmung durch den Ermittler der Kriminalpolizei fährt der Pilot der Unglücksmaschine mit der rechten Hand durch sein Gesicht. Auch wenn sein Name fällt, wenn es etwa um seine Vernehmung vier Wochen nach dem Absturz der von ihm gesteuerten Fokker 50 am 6. November 2002 geht, schaut er nicht auf. Genau wie am ersten Prozesstag am Montag vor einer Woche ist der 35-Jährige bleich, wirkt gebrechlich.
In drei Reihen mit dem Rücken zu den nur noch wenigen Zuhörern sitzen die insgesamt sieben Angeklagten - neben dem damaligen Luxair-Chef Christian Heinzmann zwei seiner Vorgänger, der ehemalige technische Direktor und zwei leitende Flugzeugmechaniker - zusammen mit ihren Anwälten. Dahinter die Nebenkläger, vier Hinterbliebene von Absturzopfern. Insgesamt 20 Menschen sind bei dem Unglück gestorben.
Zwei Mal ist Poeckes nach dem Absturz von der Polizei vernommen worden. Das erste Mal noch im Krankenhaus, wo er schwer verletzt vier Wochen im künstlichen Koma gelegen hat. Dann im Juni 2004, als er als erster von inzwischen sieben Beschuldigten angeklagt wird. Es sei nicht so gewesen, dass man "mit allen Mitteln" versucht habe, den Kapitän, der zusammen mit einem französischen Passagier die Katastrophe überlebt hat, zum Schuldigen zu machen, beteuert Polizeiermittler Emile Gras. Dabei kristallisiert sich in dem auf sechs Wochen angesetzten Prozess bereits nach einer Woche klar heraus, dass der damals 26-jährige Flugkapitän die unmittelbare Schuld an dem Unglück trägt. Er wusste offenbar, dass die Betätigung der Schubumkehr bei der Propellermaschine während des Flugs möglich war. Genau das hat zum Absturz geführt. Als der Kapitän den entsprechenden Hebel nach hinten zog, vermutlich um die für die Landung zu schnelle Maschine abzubremsen, blieben die Propeller abrupt stehen, die Maschine stürzte kurz vor der Landebahn auf ein Feld. Doch der Vorsitzende Richter Prosper Klein macht mit seinen Zwischenfragen und Kommentaren deutlich, dass er Poeckes nicht als einzigen Schuldigen sieht. Der Ermittler bestätigt, dass Luxair den niederländischen Flugzeugbauer Fokker selbst auf Mangel mit der Schubumkehr hingewiesen hat. Erst daraufhin hat Fokker an alle Gesellschaften, die diese Maschinen einsetzten, ein sogenanntes Service-Bulletin mit dem Hinweis auf den Mangel geschickt. Alle Piloten der Fokker wurden von der Fluggesellschaft auf den Mangel hingewiesen. "Warum wurde dieser Fehler nicht behoben?", wiederholt der Richter seine bereits vor einer Woche gestellte Frage und schaut dabei Heinzmann direkt an. Der schweigt.
Die ausführliche Vernehmung der Angeklagten soll kommende Woche stattfinden.
Der mitangeklagte damalige technische Direktor Marc Gallowitch ergreift schon jetzt das Wort. "Verstehen Sie, was in einem vorgegangen ist, wenn man nach dem Unfall das Service-Bulletin wieder gelesen hat?", fragt er den Richter.
Es sei schon erstaunlich, wie schnell Luxair und die zuständigen Behörden nach dem Unfall reagiert hätten, nachdem jahrelang nichts passiert sei, sagt der Richter. Bereits zwei Wochen nach dem Absturz gab es von den nationalen Luftfahrtbehörden, darunter auch vom deutschen Luftfahrtbundesamt, die Anweisung an alle Fluggesellschaften mit Fokker-Maschinen, die Flugzeuge umzurüsten. Im Schreiben des Luftfahrtbundesamtes, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es, durch den Mangel sei die "Lufttüchtigkeit des Luftfahrgerätes derart beeinträchtigt, dass es … nur dann in Betrieb genommen werden darf, wenn die angeordneten Maßnahmen ordnungsgemäß durchgeführt worden sind."