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Finanzjongleure laufen Ölmultis den Rang ab

Finanzjongleure laufen Ölmultis den Rang ab

Nicht mehr Angebot und Nachfrage bestimmen den Öl- und damit den Spritpreis - sondern Spekulanten. Sie kaufen Optionen auf künftige Öllieferungen zu überhöhten Konditionen. Damit treiben sie den Preis nach oben.

Trier. Jedes Jahr um Ostern herum entbrennt eine Diskussion um zu hohe Spritpreise. Pünktlich zu Beginn der ersten Reisewelle klettern die Preise an den Zapfsäulen. Politik und Automobilclubs geißeln dann regelmäßig die Mineralölkonzerne: Sie würden die Autofahrer abzocken, um ihren Profit zu steigern. Auch die Grünen gehören zu den Kritikern der Ölkonzerne. Nun entlastet ausgerechnet die Umweltschutzpartei die Ölmultis, zumindest zum Teil. In einer von der Grünen-Bundestagsfraktion in Auftrag gegebenen Studie kommt der Hamburger Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Steffen Bukold zu dem Schluss, dass seit einiger Zeit nicht mehr Angebot und Nachfrage den Öl- und damit auch den Spritpreis bestimmen, sondern Börsenspekulanten. Sie kaufen Optionen auf Öllieferungen zu einem bestimmten Zeitpunkt und zu einem bestimmten (höheren) Preis. Fast rund um die Uhr handeln die Finanzinvestoren mit ausgetüftelten Computerprogrammen mit diesen sogenannten Ölkontrakten. Laut Bukold wird an einem Börsentag 13 Mal mehr Rohöl gehandelt, als tatsächlich gefördert wird. Spekulanten setzen also darauf, dass der Ölpreis steigen wird, und treiben damit den Preis unabhängig von der tatsächlichen Nachfrage nach oben. "Der Ölpreis stieg seit 2008, obwohl die verfügbaren Mengen auf dem Mark zunahmen", schreibt Bukold in seiner 28-seitigen Studie. Er kommt zu dem Schluss: In einem "normal funktionierenden Ölmarkt" könnte Öl heute genauso viel kosten wie vor einem Jahr. Stattdessen liegt der Preis für das Fass (159 Liter) derzeit 30 Dollar höher. "Ein Überangebot an Rohöl, schwache Nachfrage und überquellende Lager hätten zu sinkenden, bestenfalls gleichbleibenden Rohölpreisen führen müssen", sagt Bukold. Allein in Rheinland-Pfalz entstünden durch derart spekulativ überhöhte Rohölpreise Mehrkosten für die Autofahrer von 266 Millionen Euro, heißt es in der Studie.

Noch am Wochenende standen die Ölkonzerne in der Kritik: als alleinige Schuldige an der Preistreiberei. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) kündigte an, die Preispolitik der Konzerne künftig strenger zu kontrollieren. Der ADAC gibt der Politik eine Mitschuld an den überhöhten Preisen und fordert die Abschaffung der Ökosteuer. Die zusätzliche Abgabe zur Mineralölsteuer wurde einst eingeführt, um den Benzinpreis zu erhöhen und so Autofahrer zu mehr Umweltbewusstsein anzuhalten - bislang ohne großen Erfolg.