Flughäfen im Vergleich: Was hat Weeze, was Hahn nicht hat?

Flughäfen im Vergleich: Was hat Weeze, was Hahn nicht hat?

Der Flughafen Hahn steuert auf ein Jahresminus von 17 Millionen Euro zu. Das Land sieht die Weichen gestellt, um mittelfristig schwarze Zahlen zu schreiben. Der Bund der Steuerzahler fordert einen verschärften Sparkurs.

Fast alle Regionalflughäfen in Deutschland befinden sich in einer schwierigen Situation. Sie gehören mehrheitlich dem Staat und sind von dessen Subventionen abhängig, um wirtschaftlich überleben zu können. Diese Geldflüsse sollen spätestens in zehn Jahren weitgehend versiegen, schreiben neue Leitlinien der EU-Kommission vor.
Der Flughafen Weeze, drittgrößter Airport in Nordrhein-Westfalen und zu gut 99 Prozent in Privatbesitz, arbeitet schon halbwegs profitabel. 2011/12 wurden Gewinne von je mehr als 300.000 Euro ausgewiesen. Kann der Hahn von Weeze lernen?
Nein, meint ein Sprecher von Innenminister Roger Lewentz: "Jeder Flughafen hat seine spezielle Situation und Ausgangslage mit Stärken und Schwächen." Für den Hahn sei durch Haushaltsbeschlüsse des Landtags die finanzielle Basis zur Neuausrichtung geschaffen worden. Ein Sanierungskonzept werde umgesetzt.
Der Bund der Steuerzahler Rheinland-Pfalz sieht das anders. "Es gibt einiges über die Geschäftsmentalität von Weeze zu lernen", sagt Geschäftsführer René Quante. Dort springe die öffentliche Hand nicht mit Steuermillionen helfend ein. Ineffizienzen und Überkapazitäten würden daher schneller beseitigt.
Quante fordert, das Sparkonzept am Hahn schneller abzuarbeiten. Konkret: "Nur Lohnzurückhaltung über Jahre hinweg kann die fehlende Kostenersparnis bringen, um den Hahn vor dem Aus zu retten." Ein Sanierungstarifvertrag werde dringend benötigt. Zudem müsse der Steuerzahler weiterhin "viel Personal finanzieren, das gar nicht gebraucht wird". Ein privater Betreiber würde nach Ansicht Quantes über betriebsbedingte Kündigungen nachdenken.
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier betrachtet die Sachlage differenziert. Der Hahn müsse seine Vorteile ausspielen - 24-Stunden-Betriebsgenehmigung, lange Start- und Landebahn - "und dies mit so wenig Personal wie möglich in Geschäft ummünzen", sagt Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer.

Hintergrund: Flughäfen im Vergleich


Flughäfen Hahn und Weeze am Niederrhein weisen Parallelen auf, unterscheiden sich aber bei den Geschäftsergebnissen fundamental

Muss der Flughafen Hahn noch weit mehr Personal als geplant abbauen und darüber hinaus die Gehälter der Mitarbeiter kürzen, um aus den roten Zahlen zu kommen? Die Landesregierung lehnt solche drastischen Maßnahmen ab.

Der Airport Weeze im Kreis Kleve an der niederländischen Grenze, offiziell Flughafen Niederrhein, hat etwas, was der Flughafen Hahn seit Jahren sucht: private Investoren. 2001 hat eine niederländische Unternehmergruppe Weeze für 11,3 Millionen erworben und betreibt den Flughafen seit Mai 2003 zu mehr als 99 Prozent privat. Zum Vergleich: Der Hahn gehört zu 82,5 Prozent Rheinland-Pfalz und zu 17,5 Prozent Hessen.
Hauptkunde am Niederrhein wie im Hunsrück ist die irische Billigfluglinie Ryanair. Beide Flughäfen verzeichnen aktuell ähnliche Passagierzahlen, die bei rund 2,5 Millionen liegen. Beide dienten einst militärischen Zwecken: Weeze wurde bis 1999 von der englischen Royal Air Force genutzt, der Hahn bis zum selben Jahr von den Amerikanern.

Bei all den Parallelen gibt es einen eklatanten Unterschied: Während der Flughafen Hahn am Subventionstropf des Landes Rheinland-Pfalz hängt, Jahr für Jahr Millionen Euro Steuermittel benötigt und 2014 mit einem Minus von bis zu 17 Millionen Euro rechnet, hat Weeze laut der NRW-Landesregierung nur eine Anschub-Finanzspritze von 3,8 Millionen Euro bekommen. Seit 2008 werden Jahresgewinne ausgewiesen. 2012 betug das Plus rund 370.000 Euro.
Zwar ist offenbar auch am Niederrhein nicht alles Gold, was glänzt. So kann der Flughafen einen Kredit des Kreises Kleve über 26 Millionen Euro seit Jahren nicht bedienen, weshalb die Schulden auf 34 Millionen Euro gewachsen sind. Kritiker sprechen von verdeckten Subventionen, weil der Kreis Kleve auf die fälligen Zinszahlungen verzichtet und im Gegenzug geringe Geschäftsanteile erhalten hat. Würde Weeze die Zinsen zahlen, stünde ein Jahresminus von bis zu 900.000 Euro zu Buche, räumt Flughafenchef Ludger van Bebber inzwischen öffentlich ein.
Selbst damit wäre aber bei weitem nicht die Größenordnung erreicht, in der der Flughafen Hahn öffentliche Mittel bekommt. In NRW applaudiert selbst der stets kritische Bund der Steuerzahler.
Der Steuerzahlerbund Rheinland-Pfalz nennt Unterschiede zwischen privat (Weeze) und Staat (Hahn): ein verlorener Millionenkredit des Hahn für die Air Cargo Germany, der Passagierabfertigungs-Vertrag mit der Firma SSD, den die Staatsanwaltschaft prüft, langjähriges Sponsoring von Vereinen auf Pump (der TV berichtete jeweils). "Mit einem privaten Betreiber", sagt Geschäftsführer René Quante, "wären solche kostspieligen Eskapaden nicht wirklich denkbar".
Sowohl aus dem rheinland-pfälzischen Innen- als auch aus dem Finanzministerium heißt es, die Flughäfen seien zu unterschiedlich, um sie miteinander zu vergleichen. CDU-Fraktionsvize Alexander Licht findet das nicht. "Man kann immer von anderen lernen", sagt er. So falle auf, dass Weeze "im Verhältnis schon mit weniger Personal auskommt".
Die Betreibergesellschaft Weeze hat in der Tat nur rund 90 Mitarbeiter, die des Hahn derzeit 370. Allerdings gibt es am Niederrhein kein nennenswertes Frachtgeschäft wie im Hunsrück.
Durch einen Personalabbau sollen am Hahn Kosten gespart werden. Unter Nutzung der natürlichen Fluktuation sollen 100 Stellen bis 2018 wegfallen.
René Quante vom Bund der Steuerzahler kommentiert: "Das ist eine typisch staatliche Personalpolitik." Quante weist darauf hin, die Passagier- und Frachtzahlen seien stark gesunken, der Personalapparat sei jedoch seit 2013 nahezu unverändert geblieben. In der Konsequenz habe der durchschnittliche Angestellte bei steigenden Löhnen weniger geleistet. Quante sagt: "Ein privater Betreiber würde über betriebsbedingte Kündigungen das Hahn-Personal schnellstmöglich auf die Größe bringen, die betriebswirtschaftlich benötigt wird."
Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der IHK Trier, denkt ähnlich. Zwar sei in Deutschland kein Regionalflughafen wirklich profitabel, und es gehe am Hahn zunächst darum, in Richtung schwarze Zahlen zu marschieren. Um die Alleinstellungsmerkmale wie die Nachtfluggenehmigung und die Start- und Landebahn, auf der jeder Jet der Welt abheben kann, zu nutzen, sei mehr Personal nötig. "Aber wenn das Potenzial nicht genutzt wird …", sagt Glockauer.
Die Landesregierung wähnt sich auf dem richtigen Weg. Neben den Mitteln im Landeshaushalt sei im Aufsichtsrat ein Sanierungskonzept des ehemaligen Geschäftsführers Heinz Rethage beschlossen worden und in der Umsetzung. Ferner solle der Flughafen von Aufgaben im Bereich Konversion und Infrastruktur entlastet werden, etwa durch die Übertragung von Gebäuden und Straßen. Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD) hat stets betont, es werde keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Aktuell sagt er, Gespräche über Tarifverträge seien "Angelegenheiten der Tarifpartner, also von Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft".Extra Regionalflughäfen

Die Regionalflughäfen in Deutschland wie Bremen, Dortmund, Dresden, Erfurt, Karlsruhe, Köln-Bonn, Lübeck oder Saarbrücken sind nach Angaben des Infrastrukturministeriums weitgehend in öffentlicher Hand. Städte, Kreise, Stadtwerke oder die Bundesländer halten Anteile an den Betreibergesellschaften, in den meisten Fällen sogar 100 Prozent. Der Flughafen Weeze bildet eine Ausnahme. Er ist zu mehr als 99 Prozent in Privatbesitz. Minimale Anteile halten der Kreis Kleve und die Gemeinde Weeze.

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