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Folge 19: Das seltsame Ideal der hohen Minne

Folge 19: Das seltsame Ideal der hohen Minne

Frühmittelalter - chaotische, finstere Übergangszeit nach dem Zerfall der römischen Antike. Erst die Karolinger brachten wieder Ordnung nach Europa. Und die Minne-Bewegung verfeinerte die rohe Burg- und Hofkultur.

Es ging rau her zur Zeit der Merowinger und der sie im späten 8. Jahrhundert verdrängenden Karolinger. Selbst in herrschaftlichen Wohntürmen (nachher Burgen) oder an "fürstlichen Höfen" ging es in jener Übergangsepoche bisweilen kaum anders zu als 1000 Jahre vorher bei germanischen Häuptlingssippen. Die römische Antikenkultur war eben untergegangen, das Abendland brauchte Zeit, um aus der folgenden Finsternis mühsam eine neue Kultur zu entwickeln.
Kulturgeschichte der Menschheit


Auf dem Weg dahin erwies sich Augustinus (354-430) als Pionier. Er setzte dem ungeschlachten Denken seiner Zeitgenossen das Ideal einer zwischenmenschlichen Liebe entgegen. Der Kirchenlehrer und Philosoph ersetzte den von Sinnlichkeit bestimmten Liebesbegriff der Antike durch Nächstenliebe. Diese "Caritas" war für Augustinus eine Ableitung aus der Gottesliebe. Daher ist Nächstenliebe nicht sinnlich, sie ist vielmehr selbstlos und äußert sich im Beistand für den Nächsten und im Almosengeben. Das Augustin\'sche Liebesideal hatte im mittelalterlichen Denken bis ins 12. Jahrhundert einiges Gewicht. Das hielt freilich weder kirchliche noch weltliche Macht ab, brutal mit Peitsche und Schwert zu walten.

Höfische Liebe:
Der Mangel des Augustin\'schen Liebesbegriffs besteht darin, dass er der Liebe zwischen den Geschlechtern keinen angemessenen Platz zuweist. Weshalb sich ab dem 11. Jahrhundert die Sinnlichkeit wieder zu Wort meldete. Als Gegengewicht zur asketischen Strenge der "Caritas" hält die höfische Liebe oder hohe Minne Einzug in die Welt des Adels. Diese neue Gefühlskultur - meist zwischen ledigem Kavalier und verheirateter Dame - ist zugleich eine Reaktion auf die brutalen Sitten der Feudalherren.

Ehe als Geschäft:
Eben fromm beten, gleich darauf ein "Weib" ehelichen, allein um reicher zu werden und/oder aus machtpolitischem Kalkül, das war für die Herren nicht nur zu jener Zeit kein Widerspruch. Wenn ein solches Ehe-"Geschäft" nicht wie erwartet ausfiel, wurde die Frau kurzerhand verstoßen. Solchen Verhältnissen, die Anlass für unendliche Streitereien bis hin zum Krieg waren, setzte die höfische Liebe eine Treue entgegen, die unabhängig war von der legalen Ehe und allein auf der Zuneigung des Herzens aufbaute. Ja, das Ideal der höfischen Liebe ging sogar so weit, Ehe und Liebe als unvereinbar zu betrachten. Kein Wunder bei der kalten Geschäftsmäßigkeit und Rohheit, die mit herrschaftlichen Ehen damals zumeist einhergingen.

Musterbeispiel Abendland:
Zwei weitere Faktoren spielten für das Aufkommen der höfischen Liebe eine entscheidende Rolle. Erstens: Durch die Kreuzzüge kam das Abendland mit der seinerzeit deutlich fortgeschritteneren Kultur der islamischen Welt in Berührung. Die ungehobelten Ritter aus dem Norden staunten nicht schlecht über die ungleich zivilisierteren Umgangsformen ihrer muslimischen Standesgenossen. Sie brachten manch neue Idee mit nach Hause und viele entwickelten eine Aufgeschlossenheit für Veränderungen, die sich während der Salier- und Stauferzeit des 11. bis 13. Jahrhunderts in Europa breitmachten.

Maurische Liebeslieder:
Auch der letzte Faktor, der das Aufkommen der höfischen Liebe im mittelalterlichen Abendland beförderte, hat mit der Begegnung zwischen christlicher und islamischer Kultur zu tun: Das neue Liebesideal sickerte vom Südwesten Frankreichs her ein, wo die maurischen Liebeslieder aus dem islamischen Spanien schon weite Verbreitung gefunden hatten. Einer der bedeutendsten Vertreter der hohen Minne war der aus Andalusien stammende Ibn Hazm (994-1064). Er schrieb Werke wie das "Handbuch der Liebe" oder "Das Halsband der Taube", in denen es um die Kunst der zarten Herzensverführung geht. Seine Schriften zielen auf die poetische Anbetung einer (körperlich) unerreichbaren Geliebten. So dichtete er etwa: "Die Einheit der Seelen ist tausendmal schöner als jene des Körpers." Letztlich führte das, vor allem im 12. Jahrhundert, zu einer Art Revolution der abendländischen Psyche: Liebe und selbst Erotik wurden nunmehr als etwas Geistiges, Mystisches, Geheimnisvolles zwischen Mann und Frau auch und gerade jenseits der Ehebande betrachtet.
Literarische Fiktion:
Die höfische Liebe begann als Literatur. Das heißt, sie war zunächst eine Erfindung der Troubadoure (wörtlich: "Erfinder von Versen"). So nannten sich die Minnesänger aus der Provence, wo diese Art Dichtung entstand. Die höfische Liebe war also zunächst nichts weiter als eine literarische Fiktion; aber sie ging bald in die reale Welt über. Wir haben es hier mit dem seltenen Phänomen zu tun, dass die Literatur keine Reaktion auf die Realität ist, sondern das reale Leben die Kunst nachahmt.

Seelisch-geistige Vereinigung:
Die höfische Liebe ist eine Liebe außerhalb der Ehe, denn Liebe in der Ehe bedeutet nach Ansicht der Troubadoure bloß Vereinigung der Leiber. Wahre Liebe hingegen bedeutet ein Streben nach idealer seelisch-geistiger Vereinigung. Solche Liebe setzt unbedingte Keuschheit voraus. Der hohen Minne ging es nicht um Sex, sondern um ein gesteigertes, sehnsüchtig ausharrendes Fühlen - das sich etwa in Musik, Poesie und Ehrendienst für die Angebetete ausdrückte. Natürlich wurde diese heute schwer begreifbare Kulturpraxis in der Realität immer wieder mal zum lebensgefährlichen Spiel mit dem Ehebruch, zur "niederen Minne". Im Sinne des Ideals musste leiblich vollzogene Liebe indes als Scheitern gelten.

Heimlichkeiten:
Höfische Liebe bedeutet also eine Art von idealisierter Beziehung in der Regel zwischen einer hochgeborenen Dame und einem romantischen Kavalier. Die Dame war mit einem mächtigen Feudalherrn verheiratet. Was den Verehrer bedrückte, war weniger ihr Ehemann, sondern in erster Linie ihr Rang, war der Standesunterschied. Der Kavalier bemühte sich, ihrer wert zu werden, und - wenn er Glück hatte - gelang es ihm, ihre Liebe zu gewinnen. Um des guten Rufes der Angebeteten willen, musste ihre Liebe aber verborgen bleiben; sie wurde zum Geheimnis.

Unbefriedigter Trieb:
Die Troubadoure sangen nie von vollzogener Liebe. Von daher hat man es bei der Minnelyrik mit einer Verherrlichung unglücklicher, ewig unbefriedigter Liebe zu tun. Modern gesprochen: Die höfische Liebe des 11. und 12. Jahrhunderts war sublimierte Sexualität - nach Sigmund Freud ein unbefriedigter Geschlechtstrieb, der sich in kulturelle Leistungen umsetzt, hier eben in Form der hohen Minne.

Edle Ritterlichkeit:
Sich dieses Phänomen nur als verquaste kulturelle Mode in mittelalterlichen Adelskreisen vorzustellen, würde zu kurz greifen. Denn das damals weit verbreitete Liebesideal hatte eine eminent soziale und sozialisierende Funktion. Es führte zur Ausbildung jener ritterlichen Tugenden, die Jahrhunderte später die Romantik zu ihrem Rückgriff auf das vermeintlich "Goldene Zeitalter" edler Ritterlichkeit inspirieren sollte: Beständigkeit, Beharrlichkeit, Treue, Selbstbeherrschung und Ehre. Um diese Tugenden gruppierten sich die sogenannten "Gesetze der Liebe", die sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts ausbildeten und wie ein Ritual festgelegt waren. Sie verlangten: Maß, Ziel, Heldentum, langes Warten, Keuschheit, Geheimniswahrung und Gnade.

Aus Frauen werden Damen:
So führte das Ideal der höfischen Liebe einerseits zur Ausbildung bestimmter Tugenden und zur "Veredelung" der Seele. Je höher und unerreichbarer das Ziel war, umso tugendhafter musste der Liebende werden - umso stärker war allerdings auch die innere Spannung. Das Erotische wurde vom Sexus getrennt und fast spirituell oder mystisch erlebt. Auf der anderen Seite führte die Kultur der hohen Minne neben einer allgemeinen Sittenverfeinerung beim Adel dazu, dass in nur einem halben Jahrhundert sich die vormals kaum beachtete und selten geachtete Frau in die "verehrte Dame" verwandelte.

In der nächsten Folge:
Der lange Weg zur romantischen Liebe der Gegenwart
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte
Extra

Revolution auf dem Schachbrett: Die neuartige Wertschätzung für die Frau - zumindest die hochstehende Adelsfrau -, die mit der Verbreitung des Ideals höfischer Liebe im Mittelalter einherging, fand während des 12. Jahrhunderts auch in einer dramatischen Veränderung des Schachspiels ihren Niederschlag. Das Brettspiel Schach kommt aus Indien und wurde ursprünglich mit vier Königen gespielt, die das Spiel beherrschten. Im 12. Jahrhundert aber bildeten sich neue, heute noch gültige Regeln heraus. Die Dame erhielt jetzt die Dominanz über alle anderen Figuren; und es gab auf jeder Seite nur noch einen König. Dessen Aktionsradius wurde zudem auf ein Minimum reduziert: Er kann sich immer nur um ein Feld weiterbewegen (Ausnahme: Rochade). Verse des Troubadours Arnaut Daniel: "Ich liebe sie und trachte nach ihr mit so mächtigem Sehnen, dass ich aus übergroßem Verlangen all mein Verlangen schwinden glaube, wenn man überhaupt dadurch, dass man liebt, etwas verlieren kann. Denn ihr Herz überflutet das meine so völlig mit einer Flut, die nicht mehr verraucht. Ich will weder das Römische Reich noch will ich, dass man mich zum Papst wählt, wenn ich nicht zu ihr zurückkehren darf, für die mein Herz entflammt ist. Aber wenn sie meine Qual nicht mit einem Kuss heilt, bevor das neue Jahr beginnt, so vernichtet sie mich und verdammt sich selbst." Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Bastian Klein im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red