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Folge 24: Mit der Renaissance beginnt der Aufbruch in die Neuzeit

Folge 24: Mit der Renaissance beginnt der Aufbruch in die Neuzeit

Im Spätmittelalter begann in Handel, Wissenschaft und Kultur ein sich bald ungemein beschleunigender Wandel. Dank der Besinnung auf die Antike entwickelte Europa ein neues Menschenbild.

Mit der Renaissance endet das Mittelalter und beginnt die Neuzeit. Von dieser heute allgemein verbreiteten Feststellung wussten die damaligen Menschen natürlich nichts. Historische Epochenbestimmungen werden nachträglich vorgenommen. Der Begriff "Renaissance" (Wiedergeburt) für die Zeit um das 15. und 16. Jahrhundert wurde erst im 19. geprägt. Er bezeichnet einen von Italien ausgehenden, sich über ganz Europa ausbreitenden kulturellen Prozess: die Rückbesinnung auf die versunkenen Welten der Antike.
Kulturgeschichte der Menschheit


Der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt (1818-1897) sagte: "Die Renaissance ist die Geburtsstunde der Individualität." Genauer müsste man von Wiedergeburt der Individualität sprechen. Denn das Verständnis vom Menschen als schöpferischer Einzelperson hatte es schon in der Antike gegeben. Dieses Verständnis war im Mittelalter über 1000 Jahre weitgehend vergessen, verschüttet unter der Vorstellung vom festen Platz, den ein jeder in Gottes unabänderlicher Ordnung aus Himmel, Hölle, Fegefeuer habe. Dieses statische Weltbild überwandt nun - mit Macht im 15. und 16. Jahrhundert, aber in vielen Ansätzen auch schon früher - die neue geistige Strömung des "Humanismus".

Ein neues Menschenbild:
Aufgeschlossene Geister beschäftigten sich wieder intensiv mit Literatur und Philosophie, mit Architektur, Bildhauerei und Naturbetrachtung der alten Griechen und Römer. Daraus erwuchs das Ideal vom umfassend gebildeten, selbstverantwortlichen Menschen. Dem schrieben Gelehrte wie Petrarca, Bruni oder Mirandolla gewaltige Schöpferkraft, eigene Würde und grenzenlose Wissbegierde zu. Ein neues Menschenbild war geboren, das mit dem mittelalterlichen wenig gemein hatte: der Renaissance-Mensch.

Die Zeit der Universalgenies:
Tatsächlich bringt die Renaissance eine Vielzahl bedeutender Denker, Wissenschaftler, Erfinder und Künstler hervor. Universalgenies, wie sie gern genannt werden. Einer der heute bekanntesten ist wohl Leonardo Da Vinci. Typisch für jene Zeit sein Bewerbungsschreiben an den Mailänder Herzog Sforza. Darin heißt es nicht eben bescheiden: Er, Leonardo, könne transportierbare Brücken, Belagerungsmaschinen und Schleudergeschütze konstruieren; er sei in der Lage, Kriegsschiffe zu bauen. Außerdem hätte er neue Kampfwagen und Kanonen erfunden. Im Frieden sei er fähig, jede gewünschte Architektur zu entwerfen, Wasserleitungen zu legen, Tunnel zu bohren. Er könne auch Skulpturen in Marmor, Bronze und Ton herstellen und verstünde zu malen.

Historische Erkenntnisse:
Nun fallen neue Ideen und Ideale nie einfach so vom Himmel. Zur Geistesentwicklung gehören immer entsprechende Bedingungen in der realen Außenwelt. Geist und Realität beeinflussen sich gegenseitig. Die Modernisierungswelle um 1500 wird vielfach markiert mit drei historischen Ereignissen: Der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453, der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 und dem Thesenanschlag Martin Luthers 1517.

Die Welt wird größer:
Es ist heute kaum nachvollziehbar, welch tiefgreifende Erweiterung geistiger und realer Horizonte damit einherging. So hatte bis dahin die mittelalterliche Welt aus Zentraleuropa und dem Mittelmeerraum bestanden. Nun erweiterten Amerika und Asien sie ins schier Unermessliche. Zuvor hatte die römische Universalkirche beinahe allmächtig über Glaube, Wissen, Denken und Kultur des Abendlandes geherrscht. Jetzt stellte die Reformation diese Hegemonie infrage und erwies sich der Islam als militärisch, wissenschaftlich und kulturell zumindest ebenbürtig. Und über den sich sprunghaft ausweitenden Welthandel zu Lande und zu Wasser erreichte Europa die Kunde vom Reichtum und der Fortschrittlichkeit Chinas.
Italienische Handelszentren:
Nicht zufällig nahm die Renaissance ihren Anfang in einer der am stärksten urbanisierten und am intensivsten im Welthandel engagierten Gegenden des damaligen Europas: in Italien. Genua, Venedig, Mantua und Florenz waren seit dem Spätmittelalter wuchtig aufstrebende, selbstständige Handelszentren und keiner staatlichen Oberhoheit unterworfen. Um eine Größenordnung zu nennen: Schon anno 1293 belief sich der Wert der Waren, die im Hafen von Genua umgeschlagen wurden auf knapp vier Millionen genuesische Pfund - drei mal mehr als die Einnahmen des gesamten französischen Königreichs im selben Jahr. Nicht Klerus und alter Ritteradel gaben in den italienischen Städten den Ton an, sondern reich gewordene Bürgerfamilien wie die Medici in Florenz. Als wohlhabende (oligarchische) Republiken boten diese Städte der Wissenschaft und den Künsten finanzielle Patronage und eine für damalige Verhältnisse enorme Freiheit zur Entfaltung.

Antike Architektur:
Werfen wir einen Blick auf die Architektur der Renaissance. Der Übergang von einer Stilepoche zur nächsten kommt nicht schlagartig, sondern fließend. Während man in Italien die ersten Renaissance-Bauten erstellte, wurde im übrigen Europa noch gotisch gebaut. Als wesentliche Grundlage für die Ausformung der neuen Architektur galt die Kenntnis der antiken Architektur. Sie basierte auf den "Zehn Büchern über die Baukunst" des Römers Vitruv aus dem 1. Jahrhundert vor Christus (siehe Folge 13 unserer "Kulturgeschichte"-Reihe).

Kreis und Rechteck:
Wie in anderen Wissens- und Kunstbereichen auch, studierten die Renaissance-Akteure zwar eifrig das antike Erbe, strebten aber keine platte Nachahmung an. Vielmehr galt es, die eigenen schöpferischen Kräfte am antiken Vorbild reifen zu lassen, um schließlich das Überlieferte mit Neuem zu vereinen. Bei den Grundrissen ihrer Bauten hielten sich die Renaissance-Architekten weitgehend an das geometrische Schema Kreis und Rechteck. Wobei der Kreis als Sinnbild für Göttlichkeit und Geist betrachtet wurde. Das Quadrat, von seiner Struktur her fest und stabil, verband man mit Erde und Materie. Bei den Fassaden allerdings bieten die Renaissance-Bauten kein einheitliches Schema mehr. Doch finden sich bei allen antike Elemente sowie durchgängig ansprechende Proportionen.

Eigener Stil:
Die Renaissance-Architekten entwarfen sich durchaus einen eigenen Stil. Als Beispiel sei Filippo Brunelleschi (1377-1446) angeführt. Der Notarssohn aus Florenz war einer der bedeutendsten Architekten der Frührenaissance. Sein Hauptwerk ist die Kuppel des Florentiner Doms Santa Maria del Fiore, größer als das Pantheon in Rom und zugleich die erste doppelschalige Kuppel. Zuvor hatte Brunelles chi mit dem Findelhaus der Stadt Florenz den ersten profanen (nicht-kirchlichen) Renaissance-Bau entworfen. Strenge geometrische Formen, klare Anordnung der Bauteile, plastische Hervorhebung von Säulen und Fenstern - das war wiedererstandene und weiterentwickelte Antike.

St. Peter in Rom:
1506 legte Papst Julius II. den Grundstein für den neuen Petersdom in Rom. Die Vorläuferkirche, die noch Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert hatte errichten lassen, war weitgehend verfallen. Allerdings waren die päpstlichen Schatullen leer. Als neue Geldquelle nutzte der Vatikan die Ablassbriefe. Der Neubau von St. Peter war eines der aufwendigsten Bauprojekte der Hochrenaissance und das Ergebnis, St. Peter, wurde prägend für die europäische Baukunst. Die Kuppel Michelangelos kündigte bereits Gestaltungsweisen der nachfolgenden Barock-Epoche an.

Wenige Bauten in Deutschland:
In Deutschland wurden nur vergleichsweise wenige Renaissance-Neubauten erstellt. Die Stadtresidenz in Landshut (etwa 1536) ist der erste Renaissance-Palast auf deutschem Boden. Schloss Hartenfels im Torgau (Sachsen) gilt daneben als eine der architektonischen Hauptleistungen der Renaissance nördlich der Alpen. Die Kapelle von Schloss Hartenfels war der erste protestantische Kirchenneubau überhaupt; Martin Luther hat sie selbst eingeweiht.
In der nächsten Folge: Martin Luther und die Reformation
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte
Extra

Gewaltige Umbrüche in Wirtschaft und Wissenschaft sind die Bedingungen für die Renaissance. Die Auflösung des kirchlichen Zinsverbotes und bargeldloser Finanzverkehr beflügelten den Welthandel ab dem Spätmittelalter ebenso wie neuartige Segelschiffe (Karacken und Galeonen). Im späten 13. Jahrhundert kommt in Florenz die doppelte Buchführung in Gebrauch und rationalisiert das Geschäftswesen nachhaltig. Für ein weltumspannendes Handelsnetz bedarf es sicherer Seenavigation: Im 13. und 14. Jahrhundert setzt sich in Europa der aus China stammende Kompass durch, seit dem 15. gibt es in der Seefahrt das Astrolabium und den Quadrant zur Positionsbestimmung. Bekenntnis zum antiken Vorbild, Streben nach wahrhaftiger Wiedergabe der Natur und Bemühen um die idealschöne Darstellung des Menschen: das waren drei Maximen für die Bildende Kunst der Renaissance. Die maßgeblichen Vertreter dieser Kunst gelten bis heute als Giganten ihres Fachs. Leonardo da Vinci etwa, der Schöpfer des legendären Abendmahl-Gemäldes und der Mona Lisa mit dem geheimnisvollen Lächeln. Raffael und seine "Sixtinische Madonna". Michelangelo, von dem der "David" (Foto: dpa) als ideale Männerstatue und die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle im Vatikan stammen. Dazu gehören auch Tizian, Tintoretto, Donatello oder im deutschen Raum etwa Albrecht Dürer. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Angelika Koch im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red