Folge 26: Der strenge Glaube des Johannes Calvin

Folge 26: Der strenge Glaube des Johannes Calvin

Ihr Begründer, der gestrenge Johannes Calvin, gilt als einer der Väter des Kapitalismus. Zu Recht?

Wer Geld hat, den liebt Gott. Kann das stimmen? Hat nicht Jesus von Nazareth gesagt: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt?" Und doch verbindet der Volksmund mit der Lehre des Calvinismus vor allem diese Vorstellung: dass man aus dem wirtschaftlichen Wohlergehen eines Menschen Rückschlüsse auf seinen Status vor Gott ziehen kann. Die Reichen und beruflich Erfolgreichen sind Gott wohlgefällig: der Begründer des Calvinismus, der französisch-schweizerischen Kirchenmann Johannes Calvin, gilt mit solchen Lehren als einer der Väter des Kapitalismus. Doch war er das wirklich? Und wie hängen seine Lehren mit der Reformationsbewegung zusammen?
Kulturgeschichte der Menschheit


Große Namen:
Martin Luther und Johannes Calvin:Sie sind die großen Namen der Reformation. Begegnet sind sie sich wahrscheinlich nie. Als Johannes Calvin im 10. Juli 1509 in der französischen Picardie zur Welt kommt, ist der Augustinermönch Martin Luther schon Student im 1000 Kilometer entfernten Wittenberg. Und als der junge Calvin mit zwölf Jahren seine Pfründe erhält - eine nominelle Pfarrstelle zur Absicherung seiner Ausbildung - hat Luther bereits seine berühmten Thesen veröffentlicht, hat sich mit Papst wie Kaiser überworfen und hockt unter dem Decknamen Junker Jörg im Versteck auf der Wartburg. Um das Jahr 1530 herum - Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt und ist mit Katharina von Bora verheiratet - beschäftigt sich Calvin als Student in Paris wohl erstmals mit den Schriften der Reformation. Darunter auch den Werken des Mönches aus Wittenberg.
Ab 1536 - zehn Jahre vor Luthers Tod - tritt Calvin in Genf erstmals selbst als Reformator auf. Und das auf eine Weise, wie sie radikaler kaum sein könnte. Ermächtigt von den Genfer Stadtvätern, herrscht unter dem reformorientierten Theologen eine drakonische Kirchenzucht. Unter anderem macht Calvin den Besuch des Gottesdienstes zur Pflicht. Im Gegenzug sind die üblichen städtischen Amusements, wie Würfelspiele, Theaterbesuche, auffällige Kleidung und Frisuren verboten. Auf Ehebruch steht die Todesstrafe, auf kleinere Sünden die Exkommunikation. Kurzum: Mit Calvin ist eine totalitäre Tugend in Genf eingezogen.
Alle Rechte verloren:
Warum diese Radikalität? Die Frage führt ins Zentrum der Calvin\'schen Theologie. Für Calvin hatte der Mensch durch den Sündenfall alle Rechte verloren. Er war "tot in der Sünde, abgewandt vom Guten". Calvins These lautete: Durch kein Handeln kann sich der Mensch einen Platz im Himmel sichern. Denn Gott in seiner Allmacht hat die Seinen bereits auserwählt - die anderen erwartet nur der ewige Tod. Der einzelne Mensch, auf der Welt nur zur Ehre Gottes, ist also entweder von vornherein auserwählt oder er ist verloren. Diese Lehre wurde als Prädestinationslehre bekannt (Vorherbestimmtheit).
Gott allein entscheidet:
Erst auf den zweiten Blick zeigt sich an dieser Stelle die Nähe der Calvinschen Prädestinationslehre zu Lutherischen Rechtfertigungslehre. Luther meinte, dass sich der Mensch vor Gott nicht durch seine Werke, sondern, nur durch seinen Glauben rechtfertigen kann. Calvin war ebenfalls der Ansicht, dass alles Handeln aussichtslos ist. Denn Gott allein ist der Souverän, der über den Menschen entscheidet. Daran können - und das ist beiden Lehren gemein - auch keine guten Werke oder rituelle Handlungen oder gar Ablasszahlungen etwas ändern. Der Mensch kann durch sein Tun im Leben keine Pluspunkte gegenüber Gott sammeln. Andernfalls würde das heißen, er könne ein Geschäft mit Gott eingehen. Dem haben Luther und Calvin eine Absage erteilt. Es gibt dieses Geschäft nicht.
Allein durch den Glauben:
"Sola fide" heißt ein Grundsatz der Reformation: "allein durch Glauben". Und nur durch die Gnade Gottes ("sola gratia"). Calvin spitzt den Grundsatz "sola fide, sola gratia" jedoch auf dramatische Weise zu. Nach ihm geht alles Handeln von Gott aus - ein noch so starker oder demonstrativ gelebter Glaube kann daran nichts ändern. Damit unterbindet Calvin jede Form der Frömmelei (die im späteren Protestantismus als Pietismus die Runde machen wird). Das ist hart. Wie lebt es sich damit?
Unermüdlich arbeiten:
Calvins Antwort ist eindeutig: Jeder habe an seine Erwählung zu glauben und müsse unermüdlich zur Ehre Gottes auf Erden arbeiten. Und genau das taten seine Anhänger: Sie arbeiteten. Und suchten in ihrer Arbeit nach Zeichen ihres Auserwählt-Seins. Denn in einer Welt, in der (noch) alles auf das Leben im Jenseits ausgerichtet war, ließ es sich schlecht leben mit der Ungewissheit, ob am Ende der Tage nur die Hölle auf einen wartet. Und so begann man, beruflichen Erfolg als ein Zeichen für Gottgefälligkeit zu deuten. Ein Gelingen, ein Fortkommen, Erfolg - das musste doch ein Fingerzeig dafür sein, dass Gott einen auserwählt hat?
Moralische Grundsätze:
Arbeit als Weg zu Gott: Die Calvinisten lebten nach strengen moraliaschen Grundsätzen, teilten ihren Tagesablauf genau ein, schliefen möglichst nicht länger als fünf Stunden, arbeiteten unermüdlich und rationalisierten Arbeitsprozesse. Sie schafften Wohlstand. Aber nicht, um besser leben zu können, sondern als Selbstzweck, als Voraussetzung für weitere Arbeit - als Kapital. Max Weber, ein berühmter deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (1864-1920), sah in dieser Ethik Jahrhunderte später den Grundstein für die Entwicklung des Kapitalismus. Und belegte, dass sich dieser am schnellsten in protestantischen Gegenden vollzog. Webers bekanntes Buch "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" zeigt den Zusammenhang von Religion und Wirtschaftsgeschehen auf.
Sparsamkeit statt Vergnügen:
Ebenso große Bedeutung wie die Arbeitsamkeit hatte in der protestantisch-calvinistischen Gedankenwelt die Askese. Sie fordert, auf den Genuss des erarbeiteten Wohlstands zu verzichten. Sparsamkeit und Genügsamkeit statt Wohlleben und Vergnügen. Wer in der realen Welt bestehen konnte und ihren "niederen" Versuchungen widerstehen, gehörte - möglicherweise - zu den Auserwählten.
Innerweltliche Askese:
Wieder ist es Max Weber, der gut 300 Jahre nach Calvin einen Begriff für diese Denkweise prägt: "Innerweltliche Askese" nannte er die Haltung, im Kontrast zur "außerweltlichen Askese" der christlichen Klöster. Charakteristisch für diese innerweltliche Enthaltsamkeit ist beruflicher Erfolg, sofern ihm Fleiß, Verzicht und Entsagung vorausgegangen sind. Ein solcher Erfolg wird von der Gesellschaft geachtet. Verachtet werden Leichtfertigkeit und Müßiggang. Denn der protestantische Asket glaubt, sein Leben der Pflichterfüllung gegenüber Gott widmen zu müssen. Im Lauf der Zeit, so meinte Weber, habe sich diese Askese in den "Geist des Kapitalismus" gewandelt, dessen Maxime lautet: "Zeit ist Geld".
Ausbreitung bis nach Amerika: Die Vorstellung, dass man aus dem wirtschaftlichen Erfolg Rückschlüsse auf den Status der Erwählung vor Gott ziehen kann, trug wohl maßgeblich dazu bei, dass sich der Calvinismus über Europa und bis nach Amerika ausbreiten konnte. Vielleicht ist es nicht einmal ein Zufall, dass Calvins Wahlheimat, die Schweiz, zu einer Hochburg der Finanzwelt wurde.
Dem Theologen selbst wäre diese materialistische Interpretation seiner Ethik wohl als gotteslästerlich erschienen. Um Geld ging es Calvin nicht, sondern nur um die Allmacht Gottes. Ein Eiferer war er gewiss - alle Porträts zeigen ihn mit verhärmten Wangen und verschatteten Augen, einen bitteren Zug im Gesicht. 1564, mit 55 Jahren, stirbt Calvin. Er wird auf eigenen Wunsch ohne Grabstein beigesetzt. Auf dem Friedhof im Genfer Stadtteil Plainpalais erinnert heute eine kleine Plakette an ihn. Dort steht zu lesen: "Er wollte aus dieser Stadt eine Musterstadt machen und richtete in ihr eine rigorose Disziplin auf."
Lesen Sie in der nächsten Folge: der Dreißigjährige Krieg.
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichteExtra

Neuer Glaube überall Die Reformation spaltete die christliche Glaubenswelt nicht nur in Katholiken und Protestanten auf. Es erwuchsen aus ihr eine Vielzahl von protestantischen Konfessionen. Zu den wichtigsten Strömungen zählen - neben der großen Familie der evangelisch-lutherischen Kirche: die Calvinisten, die Zwinglianer und die Presbyterianer. Eine weitere Bewegung waren im 16. Jahrhundert die Täufer. Ihre Forderungen nach Glaubensfreiheit, Gütergemeinschaft und Trennung von Kirche und Staat war den Obrigkeiten von Anfang an suspekt - weshalb die Täufer stets stark verfolgt wurden. In ihrer Nachfolge stehen heute unter anderem die Mennoniten und Hutterer. Im Blutrausch Der Aufstand gegen die Alleinherrschaft der katholischen Kirche hatte auch in Frankreich Sehnsüchte nach einer Kirchenreform geweckt. "Hugenotten" wurden die Protestanten dort genannt, wahrscheinlich eine Verballhornung des Wortes "Eidgenossen" und ein Hinweis auf die Rolle der Schweiz. Denn von dort setzten sich seit 1550 immer mehr Reformierte nach Frankreich ab, wo es zum Machtkampf zwischen katholischem und reformiertem Adel kam. Dabei ging der 25. August 1572 als "Bartholomäusnacht" in die Geschichte ein: Auf Befehl Katharina von Medicis schlachten französische Soldaten Tausende Hugenotten hin, die sich zu einer Hochzeit in Paris versammelt hatten. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red