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Folge 30: Der Geistesgigant von Königsberg

Folge 30: Der Geistesgigant von Königsberg

Er war ein kleingewachsener, schrulliger Stubengelehrter und gilt doch als der wohl größte Philosoph der Neuzeit: Immanuel Kant, das geistige Zentrum der europäischen Aufklärung.

Heinrich Heine wirkt irritiert, als er 1834 über den Philosophen Immanuel Kant schreibt: "Sonderbarer Kontrast zwischen dem äußeren Leben des Mannes und seinen weltzermalmenden Gedanken!" Kant kam 1724 in Königsberg (heute Kaliningrad) als Sohn eines Sattlermeisters zur Welt. Von seinen 79 Lebensjahren verbrachte er nur knapp acht nicht in seiner Heimatstadt, sonder als junger Hauslehrer in der ostpreußischen Umgebung. Schule, Studium, nachher Tätigkeit als Privatdozent und Universitätsprofessor - all das fand in Königsberg statt.Kulturgeschichte der Menschheit

Viel gesehen von der Welt hat Kant also nicht, aber sie durchdacht wie kaum ein anderer. So weit sein Geist auch reicht, das eigene Leben war von erstaunlicher Kleinräumigkeit. Nach immer gleicher, penibler Ordnung verliefen die Tage des lebenslangen Junggesellen in Königsberg. Aufstehen um fünf vor fünf in der Früh; Tee zum Frühstück und die einzige Pfeife Tabak des Tages; dann bis neun Vorlesung, hernach bis Mittag Arbeit an eigenen Schriften. Mittagspause bis vier; anschließend Spaziergang. Dann Schreibtischarbeit bis Punkt zehn am Abend, sieben Stunden Schlaf, Aufstehen fünf vor fünf ... Tag um Tag, Jahr um Jahr bis zum Tod 1804.Wende im Denken: Das Jahr 1762 markiert eine Wende im Leben Immanuel Kants: weg von der Ausrichtung an der "Schulphilosophie" hin zur "Weltphilosophie". Er greift Impulse aus den damals fortschrittlicheren Ländern Frankreich und Großbritannien auf; Jean-Jacques Rousseau und David Hume üben eine nachhaltige Wirkung auf ihn aus. Kant ändert aber nicht etwa seine Lebensweise, sondern den zentralen Orientierungspunkt seines Denkens. Hatte er bisher gefragt: "Was ist der Mensch?", so erscheint ihm diese Frage nun als zu akademisch und zu theoretisch.Suche nach der Bestimmung: Er fragt jetzt: "Worin liegt der Endzweck, die Bestimmung meines Lebens?" Diese Frage ist existentieller und unmittelbar praktischer Natur. Jeder stellt sie. Forschung und Wissenschaft sollen nach Kants Überzeugung von praktischer Vernunft geleitet sein, das heißt: in der Verantwortung für die Menschheit. Er selbst denkt die Frage nach der Bestimmung des Menschen dahingehend zu Ende, dass der Mensch dazu bestimmt sei, sich selbst zu bestimmen.Frage nach der Unmündigkeit: Dieser Überzeugung entspringt auch seine Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung?". Sie lautet: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." Unmündigkeit meint dabei "das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Selbstverschuldet ist solche Unmündigkeit, wenn es jemandem nicht an Verstand mangelt, sondern an Antrieb und Mut, "sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Zur Befreiung von der Unmündigkeit bedarf es des freien Gedankenaustausches einer (lesenden) Öffentlichkeit. 900-Seiten-Wälzer: Kant hatte bis 1775 schon etliche Schriften publiziert, etwa über Naturgeschichte, Physik, Theologie, Ästhetik sowie eine "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" zur Entstehung der Planetensysteme. Dann kam eine Weile nichts mehr, denn er arbeitete an einem 900-seitigen Wälzer. Der erschien 1781 unter dem Titel "Kritik der reinen Vernunft". Von gebildeten Zeitgenossen zuerst als unverständlich abgelehnt, sollte das Buch bald zu einem der bedeutendsten Werke der Geistesgeschichte werden und den Beginn der modernen Philosophie markieren.Zwei Sphären: Das Werk Kants wurde auch als "Zweite Kopernikanische Wende" bezeichnet. Bis dahin galt in der Philosophie, dass menschliche Erkenntnis einzig vom Erfahren der sinnlich fassbaren Welt herrührt. Der Königsberger Denker setzte nun gewissermaßen neben die sichtbare, den Naturgesetzen gehorchende Welt eine weitere, unsichtbare, nur den Gedanken zugängliche Sphäre, in welcher die Idee der Freiheit zu Hause ist. Der Mensch hat als einzige Lebensform das Potenzial, in beiden Welten zu existieren: Wie das Tier ist er den Zwängen seiner materiellen Umgebung und seiner eigenen Leiblichkeit unterworfen; zugleich aber besitzt er allein die Fähigkeit (Freiheit), mittels Vernunft diese Abhängigkeit zu reflektieren und sich willentlich über den puren Naturzustand seiner selbst zu erheben.Zwänge und Freiheit: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir." Mit dem Himmel meint Kant das physikalische Universum und seine Ordnung. Dieser urwüchsigen Objektivität steht jene gedanklich-subjektive Welt gegenüber, die der Mensch sich selbst geschaffen hat: die Freiheit - richtig oder falsch zu handeln. Wer entscheidet über richtig oder falsch? Die Vernunft, die eine Handlung dann gutheißt, wenn sie aus moralischer Pflicht heraus geschieht und aus Achtung für das Sittengesetz erfolgt.So soll es sein: Dieses Sittengesetz ist kein vorgegebener Benimmkatalog, der von außen bestimmt, was man zu tun oder zu lassen hat. Vielmehr ist es eine Art gattungsgeschichtlich erworbenes Gewissen, das uns sagt: So soll es sein - im Unterschied zur natürlichen Welt, die stets nur der Regel folgt: So ist es. Dem Sittengesetz jeweils auf die Spur zu kommen, erfordert eigenständiges Denken, das auch von persönlichen Neigungen, Lüsten, Begehrlichkeiten absehen kann.Kategorischer Imperativ: Hier geht es zentral um die Würde des Menschen, sein Recht auf Vernunft und damit das Recht (und die Pflicht), alles, was ist, kritisch zu prüfen - frei und öffentlich. Kant suchte nach einer Möglichkeit, die Selbstverantwortung zu verknüpfen mit der moralischen Verantwortung für die Mitmenschen, für das Gemeinwesen. Seine Antwort ist der kategorische Imperativ: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Jeder soll also so handeln, dass das, was er für richtig hält, auch auf alle anderen Individuen wie auf die Allgemeinheit anwendbar ist. Kant führt als Beispiel den Diebstahl an. Auf der Grundlage des kategorischen Imperativs wäre es undenkbar, dass einer stiehlt, denn er müsste zugleich einräumen, dass jedermann auch ihn bestehlen darf.Moralisches Gesetz: Zum moralischen Handeln bedarf es in der Ethik Kants also keines belohnenden oder strafenden Gottes, es genügt die bloße "Achtung vor dem [moralischen] Gesetz". Danach zu handeln, ist Ausdruck individueller Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit."Weltbürgerlicher Zustand": Für die Folgezeit wurden zudem Kants Überlegungen zur Rechts-, Geschichts- und Politischen Philosophie bedeutsam. Kants Grundgedanke besagt: Die Verwirklichung des Rechts und der Menschenrechte ist Aufgabe der Menschheit. Seine Geschichtsphilosophie versucht zu zeigen, dass der bisherige Gang der Geschichte in Richtung Verwirklichung des Rechts und einer Friedensordnung weist. Kant denkt dabei in erster Linie an eine republikanische Verfassung und einen, wie er es nennt, "weltbürgerlichen Zustand".Idee des Völkerbundes: Daraus leitet Kant ein Plädoyer ab für den Zusammenschluss Europas zum föderativen Staatenbund. Er trat überdies nachdrücklich für die Idee des Völkerbundes beziehungsweise der Vereinten Nationen ein. Um den zwischenstaatlichen Frieden herbeizuführen, bedarf es laut Kant eines völkerrechtlichen Vertragssystems, eines Föderalismus auf Basis des Rechts. Internationale Friedenssicherung erfolgt nach seiner Ansicht nicht durch einen Staat über den Staaten, sondern durch den föderativen Zusammenschluss souveräner Staaten - wie er heute in Uno oder EU zum Ausdruck kommt.Lesen Sie in der nächsten Folge: Die Französische Revolution Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichteExtra

Wenn der Philosoph Immanuel Kant jeden Nachmittag in seinem grauen Rock, ein Spazierstöckchen in der Hand, aus seinem Königsberger Haus trat, um in der nahe gelegenen Lindenallee exakt acht Mal auf und ab zu wandern, dann wussten die Nachbarn: Es war halb vier. Nur ein einziges Mal in Jahrzehnten soll er diese eherne Praxis durchbrochen haben: Die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus Bildungsroman "Émile" fesselte ihn so sehr, dass er darüber den Spaziergang vergaß. Ansonsten jedoch konnten die Königsberger nach den Gewohnheiten des Herrn Professor Kant alle Tage ihre Uhren stellen. Der hielt übrigens während seiner Spaziergänge den Mund stets fest geschlossen - aus Angst, sich zu erkälten. Als vernunftwidrig lehnte Kant 1795 in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" (Foto: Wikipedia) jedweden Krieg ab. Die Rüstungsausgaben sollten lieber für gute Schulen verwendet werden, und die Europäer sollten aufhören, sich wie beutelüsterne Diebe und Eroberer in der Welt aufzuführen. Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. betrachtete solche Ideen "mit großem Missfallen" und drohte, Kant werde "bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehme Verfügungen zu gewärtigen" haben. Der schon weit über 70 Jahre alte Philosoph verstummte, seine Kräfte verfielen. 1919 konstituierte sich unter ausdrücklicher Berufung auf Kant der "Völkerbund". Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red