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Folge 34: Musik, die reine Stimme des Gefühls

Folge 34: Musik, die reine Stimme des Gefühls

Heute gilt als selbstverständlich: Musik ist eine Kunst, die vor allem Gefühle ausdrücken und beim Hörer Gefühle erzeugen soll. Doch dieses Musikverständnis ist noch gar nicht so alt, es entstand erst in der Romantik.

Es ist auch im Falle der musikalischen Romantik wie bei allen kulturhistorischen Epochebrüchen: Der romantische Geist fiel nicht blitzartig über Komponisten, Virtuosen und Publikum her. Der Wandel von der Wiener Klassik Haydns, Mozarts und Beethovens zur Romantik Schuberts, Berlioz\', Schumanns oder Chopins war ein Veränderungsprozess. Der setzte, grob gesagt, schon beim Klassiker Ludwig van Beethoven (1770-1827) selbst ein. Und er zog sich in vielerlei Verzweigungen durch die Musik des gesamten 19. Jahrhunderts.
Kulturgeschichte der Menscheit


Beethoven gilt nicht ganz zu Unrecht als Wegbereiter der Musikromantik, finden sich doch schon in seinen Werken zahlreiche eigensinnige Verstöße gegen tradierte Normen der musikalischen Klassik und vorheriger Epochen. Befreiung des künstlerischen Schaffens von schulmäßigen Regeln und fest definierten Formen war ein Kerngedanke der Romantik, entwickelt und praktiziert vom ausgehenden 18. Jahrhundert an zuerst durch Dichter und Schriftsteller. Bis er sich auch in der Musik durchgesetzt hatte, dauerte es ein paar Jahre länger. Beethoven war da seiner Zeit voraus: Er nahm sich einfach die Freiheit, öfter seinen musikalischen Gefühlsausdruck über die Einhaltung alter Kompositionsregeln zu stellen.

Klassisches Publikum:
Nicht selten irritierte er sein Publikum damit gehörig. Denn Konzertbesucher nahmen Musik damals noch anders wahr als wir heute. Das adlige und das mit Macht aufstrebende neue, gebildete Bürgertum kannte die überlieferten inneren Ordnungsprinzipien der Musik sehr gut. Es wusste, wie eine Sinfonie aufgebaut zu sein hatte, wie musikalische Themen entwickelt sein sollten, wie Satzfolge, Tonarten, Harmoniestrukturen aufeinander bezogen sein mussten. Man könnte etwas überspitzt sagen: Für den vorromantischen Musikliebhaber bestand der höchste Konzertgenuss nicht im emotionalen Empfinden der Musik, sondern darin, herauszuhören, mit welcher Kunstfertigkeit sich eine Komponist innerhalb des bekannten Regelwerks zu bewegen weiß.

Poesie des Gefühls:
Entsprechend waren die Hörerwartungen des klassischen Publikums - die Beethoven oft nicht mehr bediente und um die sich seine romantischen Nachfolger schließlich gar nicht mehr kümmerten. Sie ersetzten die intellektuelle Herangehensweise an die Musik durch Emotion und Intuition. Gefühle und Stimmungen gewannen die Oberhand über die Form, aufseiten der Künstler wie alsbald des Publikums. Und dabei ist es im Grundsatz bis heute geblieben: Das Musikhören des allgemeinen Publikums ist ein romantisch geprägtes, auf ganzheitliches Musikempfinden gerichtetes Hören. Wann immer neue Entwicklungen in der Kunstmusik vor allem auf mathematische, geometrische, serielle oder andere Strukturelemente abheben, haben sie es richtig schwer, gegen jenes Gefühlshören anzukommen.
Wir wissen aus der vorherigen Folge der "Wissens"-Reihe, dass die Romantiker an der Überbetonung von Wissenschaftlichkeit, Sachlichkeit und Geschäftsmäßigkeit, an der "Entzauberung der Welt" schlechthin, litten. Der kopflastigen Moderne aus Vernunftbetonung und vorwärtsdrängender Industrialisierung setzten die Dichter eine Poesie des Gefühls, des Geheimnisvollen und Mystischen, der Naturliebe, des Rückgriffs auf uralte Sagen, Ritterepen und Märchen entgegen. Liebe und Leid, Weltschmerz und Wanderlust, melancholische Einsamkeit und fröhliche Geselligkeit: All diese sinnlichen Gegensätze gehören zur Ganzheit des Menschen wie die verschiedenen Kunstsparten zur Ganzheit der Kunst gehören.

Sinnlosigkeit des Daseins:
Danach strebte die Romantik, weshalb ihr auch die Aufhebung der strengen Trennung der Kunstsparten voneinander ein Anliegen war. So finden sich in der Romantik zahlreiche Musikwerke mit Bezügen zu anderen Künsten; insbesondere zur Literatur, aber auch zur Malerei und zum Tanz. Außermusikalische Themen halten Einzug in die Kunstmusik, werden zum inhaltlichen Programm von Kompositionen. Das 19. Jahrhundert wurde die hohe Zeit dieser sogenannten "Programmmusik". Es ist kein Zufall, dass ein Höhepunkt der deutschsprachigen Frühromantik in Kunstliedern von Franz Schubert (1797-1828) zu finden ist. Als "schauerlich" bezeichnete er die Lieder seines Zyklus "Winterreise". Dieser vereint Klavier und Singstimme mit Literatur, nämlich mit den Winterreise-Gedichten von Heinrich Heine. Die Musik ist überwiegend geprägt von Trauer und Sinnlosigkeit des Daseins. Deshalb verwendete Schubert auch reichlich die schwermütigen Moll-Tonarten.

Romantik-Künstler:
Typisch für die Romantik ist, dass sich im Ausdruck der Musik oft auch ein momentanes oder generelles Lebensgefühl der Komponisten spiegelt. In Schuberts Werken hinterlassen die sein Leben prägende Schwermut und Krankheit vielfache Spuren. Ähnlich in der Hochromantik bei Frédéric Chopin (1810-1849) und Robert Schumann (1810-1856). Beide erreichten in ihrer Musik eine bis dahin nie gekannte Intensität der Empfindsamkeit. Beide gelten sie auch persönlich als quasi Prototypen des hypersensiblen, leidenschaftlichen, von Tragik überschatteten Romantik-Künstlers. Dass Chopin nach vielen Krankheiten und nervlichen Zerrüttungen schon 39-jährig starb und Schumann in Umnachtung endete, verstärkt die fast mystische Einfärbung des romantischen Bildes vom Kunstgenie.

Volk in ländlicher Umgebung:
Das sich der romantische Geist im Bereich der Oper rasch durchsetzen konnte, liegt auf der Hand: Mit der dort ohnehin vorhandenen Verbindung zwischen Musik, Wort, Handlung, (Szenen-)Bild und bisweilen Tanz bot sie einen idealen Nährboden. Spätestens mit Carl Maria von Webers "Der Freischütz" (1821) waren zentrale Elemente der Romantik auf den Bühnen etabliert: Einfaches Volk in ländlicher Umgebung als Handlungsträger; Natur als Idylle wie auch als Ort des Unheimlichen; Visionen und Traumgespinste; Freud und Leid, Liebe und Tod als Einheit der Gegensätze. Bei Richard Wagner verband sich all dies mit dem systematischen Rückgriff auf Sagen und Mythen zu Gesamtkunstwerken wie "Der fliegende Holländer", "Tannhäuser" oder "Lohengrin".
Doch erzählerische, fantastische oder bildhafte Aspekte hielten ebenso Einzug in die Instrumentalmusik. Was unter anderem zu einer massiven "Aufrüstung" der Orchester im Laufe des 19. Jahrhunderts führte. Sie wurden immer größer, und neue Instrumente kamen hinzu -, um neue Klangräume und Effekte zu erschließen, um überwältigende Gefühlsausdrücke zu ermöglichen.

Nationalgedanke wächst:

Hector Berlioz (1803-1869) beispielsweise versetzt das Publikum mit seiner "Symphonie Fantastique" musikalisch mitten in einen Hexensabbat. Geister, Hexen, Ungeheuer aller Art versammeln sich zu einer Totenfeier. Es ertönen seltsame Geräusche, Stöhnen, schallendes Gelächter und ferne Schreie. Die Totenglocken läuten, und das Ganze schwingt sich zu einer grotesken Parodie des "Dies Irae" auf, des mittelalterlichen Liturgiegesangs vom Jüngsten Gericht. Themen aus Werken Shakespeares, Goethes, Schillers, Byrons und anderer Schriftsteller wurden von Berlioz und Kollegen in Musik umgesetzt. Der russische Komponist Modest Mussorgski (1839-1881) vertonte in "Bilder einer Ausstellung" Eindrücke von Gemälden.
Und wie in der Romantik generell, so wuchs auch in der Musikromantik bald der Nationalgedanke heran. In aller Herren Länder begaben sich Musiker auf die Suche nach den kulturellen Wurzeln ihrer Heimat in den regionalen Volkskulturen. Ihr Ziel: auf dieser Basis eine je spezifische Nationalmusik zu schaffen. Wie Michael Glinka diese Bewegung für Russland anstieß, so Bedrich Smetana für Tschechien, Edvard Grieg für Norwegen, Jean Sibelius für Finnland ...
Nächste Folge: Gottes Werk und Darwins Beitrag
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Extra

Das Ballett erblüht


Ganz dem Tanz gewidmete Musik ist eine Erfindung der Romantik. Zwar gab es seit Mitte des 17. Jahrhunderts Musik für Balletteinlagen in der Oper. Doch erst im 19. Jahrhundert entstanden dann abendfüllende Ballette auf Basis literarischer Librettos und zu eigens dafür komponierten Musikwerken. "La Sylphide", "Giselle" und "Coppélia" sind frühe Meisterwerke des romantischen Ballettgenres. Europäisches Zentrum der Ballettkunst war zuerst Paris. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden St. Petersburg und Moskau zu Metropolen der Tanzkunst, nicht zuletzt dank der dort uraufgeführten Ballette "Schwanensee", "Dornröschen" und "Nussknacker" nach der Musik von Tschaikowski.Grenzen sprengen


Im Laufe der Spätromantik stoßen viele Komponisten in Bereiche vor, die manchen Musikfreund bis heute befremden. Richard Wagner, Gustav Mahler, Richard Strauss gehen bis an die Grenzen der Tonalität oder darüber hinaus. Ähnlich wie im malerischen Impressionismus lösen Claude Debussy oder Maurice Ravel die großen Strukturen in kleinste Nuancen auf. An der Wende zum 20. Jahrhundert ist nichts mehr unmöglich, sei es die Hinwendung zum komponierten Geräusch oder die Rückbesinnung auf die alten Meister des Barock. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Bastian Klein im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Telefon 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red