Folge 35: Charles Darwin und die Evolution

Folge 35: Charles Darwin und die Evolution

Menschen, Tiere, Pflanzen sind nicht in einem Schöpfungsakt entstanden, sondern Ergebnis der Evolution: Charles Darwins Erkenntnis war in der Wissenschaft ein Riesenerfolg, dennoch gibt es bis heute Streit darum.

Am absoluten Anfang sagte Gott drei Worte: "Es werde Licht." Und es ward Licht. Nachzulesen ist dieser Erzähleinstieg im Alten Testament. Mit ihm beginnt die Genesis, die biblische Schöpfungsgeschichte. Sie ist ein Mythos von der Geburt des Lebens, einer von vielen.
Ob Ägypter, Chinesen oder die Urvölker Australiens, ob Griechen, Sumerer oder Juden: Sie alle kennen Schöpfungsmythen, die ihnen die Entstehung der Welt und ihren eigenen Ursprung erklären sollen.
kulturgeschichte der menschheit


Dass es vielleicht doch kein Machtwort Gottes oder eine Laune der Götter war, mit der das diesseitige Leben begann, und auch keine göttliche Lotosblüte, aus der es stieg: Diese Ahnung dämmerte bereits einigen Menschen in der Antike. Denker wie Thales von Milet suchten nach nicht-mythologischen Erklärungen für das Prinzip Leben.
Wasser als Ursprung des Lebens



Der griechische Naturphilosoph meinte, das Wasser sei Ursprung allen Lebens. Sein Zeitgenosse Anaximander ging einen Schritt weiter: Er nahm an, dass die ersten Menschen sich aus fischähnlichen Wesen entwickelten, also im Wasser entstanden und später an Land gingen. Anaximander vermutete also bereits eine Art evolutionären Prozess hinter der Entstehung des Lebens.
Einem ganz anderen Ansatz folgte die Theorie der Artenkonstanz, die jahrhundertelang die Lehrmeinung dominierte. Dieser Theorie zufolge war alles Leben in einem einzigen Schöpfungsprozess geschaffen worden und hatte sich seither nicht verändert. In Christentum und Islam entsprach dieser Vorstellung der Glaube an einen göttlichen Schöpfungsakt.
Im Zeitalter der Aufklärung kehrte man zurück zur natürlichen Erklärung der Entstehung von Fauna und Flora. Als Erster legte der französische Botaniker und Zoologe Jean Baptiste Lamarck (1744-1829) eine Evolutionstheorie vor.
Schwerer Schlag für die Religion


Lamarck vertrat die Auffassung, dass alle Organismen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben können, die sie während ihres Lebens erwerben. Und dass sich diese Eigenschaften als Anpassung an die Umwelt auch verändern können. Mit seiner Lehre von der Veränderlichkeit der Arten störte Lamarck das politische und religiöse Establishment auf: Seine Ideen wurden als Bedrohung der bestehenden Ordnung angefeindet.
Doch das war nur das Vorspiel zu einem Buch, das 1859 erschien: Als Charles Darwin (1809-1882) mit seinem Werk "Die Entstehung der Arten" die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch der überkommenen Buchstabengläubigkeit der theistischen Religionen einen schweren Schlag. Wenn die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung trat, so fürchteten die Kirchenvertreter, dann könnte das Gott überflüssig machen.
Mit der "Entstehung der Arten" legte Darwin im Wesentlichen fünf Theorien vor, die voneinander unabhängig waren. Er belegte mit seiner Arbeit zum einen die Evolution als solche, nämlich als Veränderlichkeit der Arten. Zweitens war Darwin im Unterschied zu Lamarck der Ansicht, dass alle Arten eine gemeinsame Abstammung haben. Eine dritte These seines Werkes beschäftigte sich mit dem Gradualismus, also der Annahme, dass Evolution langsam und in kleinsten Schritten verläuft. Viertens sprach Darwin in diesem Zusammenhang von Populationen, also von Individuen der gleichen Art, die miteinander verwandt sind.
Fünftens beschrieb er die natürliche Selektion als einen wichtigen Mechanismus der Evolution: Die Auslese findet nach seiner Ansicht dort statt, wo Individuen besser an ihre Umwelt angepasst sind als andere. Nicht der Stärkere überlebt, sondern der besser Angepasste.
Darwins Erkenntnis, dass die modernen Lebensformen das Resultat von Jahrmillionen natürlicher Auslese sind, war im 19. Jahrhundert revolutionär. Sie warf die bis dahin vorherrschende Überzeugung über den Haufen, die Tier- und Pflanzenarten seien auf ewig unveränderbar. Dabei hatte der britische Naturforscher seinen Zeitgenossen noch gar nicht den schwersten Brocken zugemutet: Die Abstammung des Menschen selbst zu erörtern, das wagte er erst 1871 mit dem Buch "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl". Erstmals stand dort niedergeschrieben, was in Wissenschaftszirkeln jener Zeit zaghaft diskutiert wurde: Mensch und Affe sind miteinander verwandt. Sie haben gemeinsame Vorfahren.
Ungeheuerliche These


Die These war ungeheuerlich, stellte sie doch das Selbstbild des Menschen als Krone der Schöpfung infrage. Sie war "eine der drei Kränkungen der Eigenliebe der Menschheit", wie es Sigmund Freud zwei Generationen später formulierte. Wie Recht der Begründer der Psychoanalyse damit hat, zeigt sich in der Nachwirkung der darwinistischen Thesen. Zwar gilt die Evolutionslehre heute als das am besten belegte Modell zur Erklärung der belebten Natur, das je existierte. Und Darwin selbst wird als einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler aller Zeiten angesehen. Doch der grundsätzlichen Anerkennung seiner Schlussfolgerungen durch die Wissenschaft weltweit steht die anhaltende Ablehnung durch Teile der Öffentlichkeit gegenüber. Noch immer gibt es Menschen, die Darwins Evolutionstheorie nicht zustimmen, sie gar für gotteslästerlich halten.
Eine der Hauptbewegungen gegen die Evolutionstheorie ist der Kreationismus (lateinisch "creatio" für "Schöpfung"). Er sieht die Entstehung des Universums als Gotteswerk genau wie im Alten Testament beschrieben. In sechs Tagen schuf Gott das Universum, Himmel und Erde, am siebten Tag ruhte er. Für Kreationisten ist das weder Mythos noch religiöse Symbolhaftigkeit, sondern historische Realität.
Allerdings glauben weniger radikale Vertreter, dass die biblischen sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Eine andere Strömung ist überzeugt, dass Gott die Erde und das Leben darauf tatsächlich in besagten sechs mal 24 Stunden erschaffen habe, und zwar vor maximal 10 000 Jahren.
Widerstand im 19. Jahrhundert


Entstanden ist der Kreationismus im 19. Jahrhundert als religiös motivierter Widerstand gegen die Entwicklung der Naturwissenschaften. Heute tobt der Streit zwischen Anhängern und Gegnern der Evolutionstheorie in keiner anderen Industrienation so heftig wie in den USA. Auf der einen Seite stehen Kreationisten und ihre heute pseudowissenschaftlich begründete Schöpfungstheorie des "Intelligent Design". Ihnen gegenüber steht das naturwissenschaftliche, von Darwin geprägte Weltbild.
Es ist ein Weltbild, das durch Fundstücke aus vielen erdgeschichtlichen Phasen, durch Forschungen der modernen Genetik und Mikrobiologie gut abgesichert ist.

Alle Versteinerungen passen in einen konsistenten Stammbaum aller Lebewesen. In der Regel weicht eine Form umso stärker von nachfolgenden Formen ab, je älter sie ist. Aber der Darwinismus hat auch Schwierigkeiten mit der Erklärung bestimmter Phänomene. So weiß man, dass niedere Tiere - wie Regenwürmer, Seesterne, Eidechsen - die Fähigkeit besitzen, verloren gegangene Körperteile nachwachsen zu lassen. Diese Fähigkeit stellt einen großen evolutionären Vorteil für diese Tiere dar. Auf Grundlage der darwinistischen Lehre ist es schwer erklärlich, wieso es spätere, höher entwickelte Spezies ohne diese Vorteile gibt. Charles Darwin hat übrigens schon vor 150 Jahren mit erfrischender Offenheit zugegeben, dass auch er nicht alles erklären kann. Überliefert ist die Aussage: "Bitte fragen sie mich nicht, woher der erste Impuls kommt für eine Zelle, die sich teilt. Ich habe keine Ahnung!"
Nächste Folge: Karl Marx und die industrielle Revolution.

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Die Spottdrossel wars: Die ersten Ideen für seine Evolutionstheorie kamen Charles Darwin quasi zugeflogen: Als junger Forscher war er 1835 an Bord eines Vermessungsschiffs auf die Galapagosinseln gekommen. Dort fiel ihm auf, dass die Spottdrosseln auf drei dieser Inseln jeweils ein anderes Aussehen und Verhalten hatten, und dass sie obendrein kleiner waren als ihre Verwandten auf dem Festland. Die Suche nach einer Erklärung führte bald zu seiner berühmten Schlussfolgerung, hier sei eine "natürliche Zuchtwahl" am Werk: Weil die Lebensbedingungen auf jeder Insel unterschiedlich waren, konnten nur diejenigen Vögel überleben, die sich ihren jeweiligen Umweltbedingungen am besten anpassten. Kreationismus Die wörtlich genommene Schöpfungsgeschichte der Bibel als gleichberechtigte Lehrmeinung über die Entstehung des Lebens im Biologieunterricht? Kreationismus im Klassenzimmer? Für die britische Bildungspolitik kommt das nicht infrage. Großbritannien will deshalb jenen Lehranstalten, die Theorien des "Intelligent Designs" oder des Kreationismus lehren, künftig die staatliche Finanzierung streichen. Dieser Entscheidung des Bildungsministeriums war eine Kampagne des britischen Humanisten-Verbands vorausgegangen. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Telefon 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red