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Franzosen wählen - Angst vor dem Schlimmsten bis zum Schluss

Franzosen wählen - Angst vor dem Schlimmsten bis zum Schluss

Im Finale war Frankreichs Wahlkampf nur noch eine Schlammschlacht. Das hat den Franzosen ihre Entscheidung nicht leichter gemacht: Marine Le Pen oder Emmanuel Macron? Für etliche die Frage: Pest oder Cholera? Die Angst vor dem Schlimmsten bleibt bis zum Schluss.

Blanche gehört zu jenen, die politikmüde sind, weil „die da oben machen, was sie wollen“. Doch diesmal ist alles anders. „Ich bin empört, schockiert und angeekelt“, erregt sich die ehemalige Kunstlehrerin. Sie habe in den vergangenen Tagen ihre Zeit am Telefon verbracht, um ihre Freunde aufzurufen, gegen Marine Le Pen zu stimmen, wie die 78-Jährige erklärt. Im ersten Wahlgang gehörte Blanche noch zu jenen rund 22 Prozent, die sich enthielten. Einst wählte sie sozialistisch. Aber das sei schon ein paar Jahre her.

Sie wohnt im 5. Arrondissement von Paris unweit des Panthéon. Ihre Stimme hat sie dem parteilosen Macron gegeben. Nicht aus Überzeugung. „Für mich ist er schwer zu fassen, ich habe keine Ahnung, was er eigentlich will.“ Dennoch: Marine Le Pen zu wählen, sei das Schlimmste, was man machen könne, meint die Rentnerin. „Ich dachte, Marine Le Pen hätte wenigsten etwas politisches Niveau“, sagt sie.

Damit spielt Blanche auf das einzige Fernsehduell zwischen der Kandidatin der rechtsextremen Front National und dem pro-europäischen Mitte-Links-Kandidaten Macron an. Eine Schlammschlacht nannten die Medien den Schlagabtausch, der aus Beschimpfungen und gegenseitigen Schuldzuweisungen bestand. Dabei ging Le Pen streckenweise auf sehr polemische Konfrontation. Die Debatte wurde von 16 Millionen Zuschauern verfolgt. In einer Umfrage gab eine Zwei-Drittel-Mehrheit anschließend an, Macron habe mehr überzeugt als Le Pen.

Zu ihnen gehört auch Marc - selbst wenn er fand, dass die TV-Debatte dem parteilosen Macron keine Chance ließ, klare Positionen zu verteidigen. Im ersten Wahlgang stimmte der 55-Jährige für den Sozialisten Benoît Hamon, der mit 6,35 Prozent aus dem Rennen schied. Hamon sei sein Kandidat aus Überzeugung gewesen; Macron habe er gewählt, um Le Pen zu verhindern.

Auch ohne den Appell Hamons - der nach seiner Niederlage seine Anhänger aufrief, Macron zu wählen, um einen Block gegen Le Pen zu bilden - hätte er sich so entschieden. „Der eine versucht, hinter sich zu versammeln, die andere versucht, durch Hass zu spalten. Da braucht man nicht lange zu überlegen.“ Nun hofft der Kleinverleger, dass bei diesem Wahlkampf voller Überraschungen Frankreich die schlimmste erspart bleibt.

Fast wöchentlich prägten Turbulenzen den französischen Präsidentschaftswahlkampf. Das fing mit Vorwahlen an, die überraschend Hamon zum Spitzenkandidaten der Sozialisten kürten und François Fillon zum Präsidentenanwärter der Konservativen. Dann folgte die Job-Affäre um Fillons Frau Penelope. Überraschungen waren auch Macron, der als Newcomer zum Hoffnungsträger gegen Le Pen wurde, und der Linksradikale Jean-Luc Mélenchon, der kurz vor dem ersten Wahlgang noch heftig das Feld der Kandidaten aufmischte.

Mit Umfragewerten, die zunächst bei rund 20 Prozent lagen, hatte der Ex-Trotzkist echte Chancen, in die Stichwahl zu kommen. Mit 19,6 Prozent schied Mélenchon dann aber aus - zur großen Enttäuschung von Laurence. Er sei ihr Favorit gewesen, erklärt sie verbittert. Die 48-Jährige ist Mathematik-Lehrerin, die im Pariser Vorort Saint-Denis an einem Gymnasium in einer ZEP unterrichtet - einer sogenannten sensiblen Zone in Wohngebieten mit vorwiegend sozial schwacher Bevölkerung. Sie habe für Mélenchon gestimmt, weil dieser das von vielen als korrumpiert empfundene Regierungssystem umbauen wollte, milliardenschwere Zusatzausgaben und Investitionen forderte sowie eine Neuverhandlung der europäischen Verträge.

Laurence gehört zu den „Ni-ni“-Franzosen - den Weder-noch-Wählern, für die der eine nur schlimmer ist als der andere. „Die Hasstiraden von Marine Le Pen und ihr Geschichtsverständnis sind mir ein Gräuel. Und auf Macrons Wirtschaftsliberalismus reagiere ich allergisch.“ Sie habe deshalb gar nicht gewählt. Sie sitze hier, weil sie auf ihren Mann warte, der soeben zum Wählen gegangen ist. Ob sie wisse, wem er seine Stimme geben werde? Sie befürchte: Macron.

Anders als die anderen Verlierer des ersten Wahlgangs rief Mélenchon nicht dazu auf, für Macron zu stimmen. Laut Umfragen wollten 65 Prozent der Mélenchon-Wähler sich enthalten; 22 Prozent erklärten sich bereit, die EU-Gegnerin Le Pen zu wählen. So wie zwei Rentner in Lille in Nordfrankreich. „Wir sind nicht für das Programm von Le Pen, aber Macron wollen wir auch nicht unterstützen“, erklären die beiden. Politiker seien arrogant und monarchistisch geworden. Dann greifen sie zu dem in den vergangenen Tagen populär gewordenen Motto: Man habe lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera.