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Für Pfarrer Graus ist Gläubigenschwund ein Fremdwort

Gläubigenschwund, Zusammenlegungen von Pfarreien oder Schließung von Gotteshäusern - für den Trierer Bistumspriester Erwin Graus sind das Begriffe aus einer anderen Welt. Der 52-Jährige baut im bolivianischen Tiefland gerade eine neue Kirche. "Hier kann man noch gestalten", sagt der Missionar. Von unserem Redakteur Rolf Seydewitz

San Luis. Schon von weitem sind der Gesang und das Klatschen zu hören. Es ist ein ungewöhnlicher Ort, an dem Pfarrer Erwin Graus an diesem späten Vormittag den Gottesdienst feiert: eine mit Palmenblättern bedeckte Hütte, die nach allen Seiten offen ist. So lässt es sich für die rund 50 Gläubigen auch im Inneren des provisorischen Kirchbaus gut aushalten - trotz Außentemperaturen an die 40 Grad.

Wir sind in San Luis, einer 60 Kilometer südwestlich der größten Stadt Boliviens, Santa Cruz de la Sierra, gelegenen Ortschaft. Vor ein paar Jahren noch gab es an dieser geografischen Schnittstelle zwischen dem bolivianischen Tiefland und den Kordilleren nicht viel mehr als ein paar Hütten und Felder. Doch in der Hoffnung auf Arbeit, Einkommen und Zukunft ziehen immer mehr Bewohner aus dem unwirtlichen Hoch- ins boomende Tiefland. Allein in Santa Cruz leben inzwischen rund sechs Mal mehr Einwohner (1,6 Millionen) als noch vor 20 Jahren. "Und der Zustrom hält an", sagt Erwin Graus.

Der aus dem Bistum Trier stammende katholische Priester kann sich über das "Bevölkerungswachstum" im bolivianische Tiefland freuen. Denn auf diese Weise wächst seine Gemeinde fast von alleine. So stark, dass Graus erst im vergangenen Jahr eine neue Pfarrei gegründet hat: Die auch erst vor zehn Jahren ins Leben gerufene Vorgänger-Pfarrei war derart gewachsen, dass sie geteilt werden musste. Und Graus' neuer Zuständigkeitsbereich umfasst mittlerweile auch schon 20 Orte mit 16 000 Katholiken. Mehr als 80 Prozent der über zehn Millionen Bolivianer sind katholisch.

Fast schon paradiesische Zustände für den im Rahmen der Bolivienpartnerschaft entsandten Priester, in dessen Heimatdiözese gerade über die Fusion von Pfarreien oder über Gläubigenschwund debattiert wird. Oder über Kirchenschließungen.

Für Erwin Graus muss dieser Begriff wie ein Fremdwort klingen. Denn nur wenige Meter neben seinem Palmenhütten-Provisorium wird gerade an einem neuen Gotteshaus samt Gemeindezentrum gewerkelt. Die Außenmauern stehen schon, Dach und Innenausbau sollen möglichst rasch folgen. Wenn alles klappt, soll die neue Pfarrkirche Mitte nächsten Jahres eingeweiht werden - beim Antrittsbesuch des Trierer Bischofs Stephan Ackermann.

Der aus dem saarländischen Losheim stammende Erwin Graus ist schon zum zweiten Mal im Bolivien-Einsatz, wieder für sieben Jahre. "Das hier ist ein Raum, wo man noch gestalten kann; das reizt mich", sagt der Missionar, während er die Gäste durch den aus Ziegelsteinen gemauerten Rohbau führt.

280 000 Dollar, rund 190 000 Euro, sind für Grundstück und Neubau veranschlagt. Das Geld, sagt Graus, komme vom kirchlichen Hilfswerk Adveniat, seiner saarländischen Heimatpfarrei, den Gemeindemitgliedern und einer Gruppe Gläubiger, die den für besonders eilige Fälle zuständigen Heiligen San Expedito verehre. "Den kannte ich bis vor zwei Jahren auch noch nicht", meint Graus und schmunzelt.

Mehr Kopfzerbrechen als die dem eiligen Heiligen in der neuen Pfarrkirche gewidmete Kapelle bereitet Pfarrer Graus ein anderes Thema: "die zunehmende Konkurrenz fundamentalistischer Sekten." Während die katholische Kirche in früheren Zeiten weitgehend ungestört um die Gunst der Bolivianer buhlte, haben längst auch Adventisten, Zeugen Jehovas oder Mormonen das Land für ihre Missionare entdeckt. "Wir haben kein Monopol mehr", sagt Erwin Graus, "müssen uns anstrengen, um an die Leute heranzukommen."

Ein Rezept haben der 52-Jährige und seine ehrenamtlichen Helfer (Katecheten) der Konkurrenz schon abgeschaut. Wie auch viele deutsche Kommunalpolitiker auf Wahlkampftour gehen sie in ihrer neuen Pfarrei jetzt von Haus zu Haus, missionieren und halten anschließend den Kontakt. Der Erfolg könne sich sehen lassen, freut sich der Priester. Womöglich wäre das ja auch ein Modell für Erwin Graus' Kollegen im fernen Bistum Trier.