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"Für viele Versicherte wird es nicht billiger"

"Für viele Versicherte wird es nicht billiger"

Der gesetzlich vorgegebene, einheitliche Beitragssatz für die gesetzlichen Krankenkassen sinkt im kommenden Jahr von 15,5 auf 14,6 Prozent. Doch günstiger wird es für die meisten Versicherten wohl nicht. Kaum eine Kasse werde mit dem niedrigeren Beitragssatz auskommen, sagt Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland. Mit ihr sprach unser Redakteur Bernd Wientjes.

Frau Stippler, Sie sind seit fast einem Jahr im Amt. Wie sehen Sie die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland aufgestellt? Irmgard Stippler: Die AOK ist gut aufgestellt, und wir wollen auch in Zukunft leistungsstark sein. Mein Augenmerk: gute Versorgung für unsere Versicherten. Nach allem, was aber bislang feststeht, ist die finanzielle Situation der gesetzlichen Krankenkassen in diesem Jahr nicht so gut. Wie sieht es bei der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland aus? Stippler: Für alle gesetzlichen Krankenkassen gilt: Die Ausgaben steigen stärker als die Einnahmen. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Die AOK hat im ersten Halbjahr noch Überschüsse gemacht. Doch diese Überschüsse werden abgeschmolzen. Auch bei uns steigen die Einnahmen langsamer als die Ausgaben.Woran liegt das? Stippler: Die demografische Entwicklung führt zusammen mit dem medizinischen Fortschritt und einer Kostensteigerung bei Ärzten und Krankenhäusern zu steigenden Ausgaben. Auf der anderen Seite bleiben die Beitragseinnahmen der gesetzlichen Krankenversicherungen durch die moderaten Tarifanpassungen der letzen Jahre hinter den Ausgaben zurück.Trotzdem soll der politisch vorgegebene allgemeine Beitragssatz im nächsten Jahr sinken, von 15,5 auf 14,6 Prozent. Wie passt das zusammen? Drohen flächendeckend Zusatzbeiträge? Stippler: Im Moment erheben alle Krankenkassen einen Beitrag von 15,5 Prozent. Unter den aktuellen Entwicklungen wird ein Beitragssatz von 14,6 Prozent nicht reichen. Also werden die meisten Kassen gar nicht darum herumkommen, Zusatzbeiträge zu erheben. Die AOK Rheinland-Pfalz/Saarland auch? Stippler: Wir werden unseren Beitragssatz im Verwaltungsrat im Dezember bestimmen. Dann werden wir einen Beitragssatz haben, der über den gesetzlich vorgegebenen 14,6 Prozent liegen wird. Auch Ihre Versicherten müssen also mit Zusatzbeiträgen rechnen? Stippler: Ja. Wofür geben Sie am meisten Geld aus? Stippler: Der größte Teil des Budgets fließt in die Krankenhausversorgung, danach folgen die Arzneimittel und die Arztbehandlungen. Stichwort Arzneimittel: Sind diese in Deutschland zu teuer? Stippler: Es ist gut, dass wir in Deutschland hochwertige Medikamente haben. Es muss aber die richtige Balance gefunden werden zwischen Nutzen und Preis. Es muss verhindert werden, dass für Medikamente, die keinen Zusatznutzen haben, überhöhte Preise bezahlt werden müssen. Vor allem neue Medikamente haben oft hohe Preise. Muss sich da was ändern? Stippler: In der Tat klafft im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, dem sogenannten Amnog, eine Lücke. Es gibt zum Beispiel ein neues Hepatitis-C-Medikament, eine echte Innovation. Laut Gesetz dürfen die Unternehmen im ersten Jahr die Preise selbst festlegen. Und der Produzent fährt bei diesem Medikament derzeit eine Hochpreis-Strategie. Das muss sich ändern, die gesetzlich festgelegten Erstattungsbeiträge müssen früher als erst nach einem Jahr greifen. Wird die finanzielle Situation der Kassen nicht zwangsläufig dazu führen, dass Leistungen rationiert werden, also weniger für medizinische Versorgung gezahlt wird? Stippler: Wir müssen stets eine Balance finden zwischen guter Versorgung mit den zur Verfügung stehenden Leistungen und der Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit, also nicht mehr auszugeben, als wir an Beiträgen einnehmen. Gute Versorgung ist kein Selbstläufer, sie muss bezahlbar bleiben. Also kann nicht mehr jede Behandlung bezahlt werden? Stippler: Wir müssen gute Versorgung für die Zukunft sichern; durch ein besseres Miteinander und eine engere Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Dafür müssen gesetzliche Voraussetzungen geschaffen werden.Wenn uns das gelingt, wird sich die Versorgung auf jeden Fall weiter optimieren. Sie können also ausschließen, dass auch in Zukunft Versicherte von bestimmten Leistungen ausgeschlossen werden, Stichwort: Neue Hüfte für die 90-Jährige? Stippler: Die Zukunft ist immer offen. Es hängt davon ab, inwieweit Kassen, Ärzte, Krankenhäuser und Politik bereit sind, stärker an einem Strang zu ziehen. Diesen Willen sehe ich derzeit durchaus. Man muss ja auch sagen, dass die Gesundheitsversorgung in Deutschland besser ist als in vielen anderen Ländern. Dieser Standard muss erhalten bleiben. Sie sprechen ein besseres Miteinander von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern an. Sehen Sie darin die Zukunft der medizinischen Versorgung etwa in Rheinland-Pfalz? Stippler: Die Zukunft liegt sicherlich in einer stärkeren Arbeitsteilung zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern, gerade um die ärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern. Hausärzte müssen entlastet werden, und Krankenhäuser auf dem Land müssen neue Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel das neue medizinische Versorgungszentrum in Neuerburg. Das ist ein echtes Leuchtturmprojekt in Rheinland-Pfalz. Ein kleines Krankenhaus mit 44 Betten war nicht mehr tragbar, trotzdem ist die medizinische Versorgung rund um Neuerburg gesichert worden.Klingt gut. Aber seit Jahren wird darüber diskutiert, wie die ärztliche Versorgung auf dem Land verbessert werden kann. Wirklich geschehen ist aber nichts. Stippler: Natürlich muss auch über Anreize für die Niederlassung von Ärzten nachgedacht werden. Auch über die Rahmenbedingungen der Arbeit der Landärzte muss diskutiert werden, etwa in Form von Gemeinschaftspraxen. Noch ist die ärztliche Versorgung in Rheinland-Pfalz gut. Aber wir müssen alles dransetzen, dass dies so bleibt. Wir haben in unserer Region viele kleine Krankenhäuser. Sollen die alle zu medizinischen Versorgungszentren werden? Stippler: Es muss alles getan werden, um die Zukunft der Krankenhäuser auf dem Land zu sichern. Die Krankenhäuser müssen aber auch stärker zusammenarbeiten. Die Häuser auf dem Land müssen die Grund- und Regelversorgung sicherstellen, die Uni- und Fachkliniken, möglicherweise etwas weiter entfernt, müssen dann für Hochleistungsmedizin und Spezialversorgung zuständig sein. Es muss also weitere Krankenhausfusionen geben? Stippler: Es geht nicht um weitere Fusionen, sondern um Zusammenarbeit. Wir müssen zu einer stärkeren Arbeitsteilung kommen. Bundesgesundheitsminister Gröhe will mit einem sogenannten Wartezeitengesetz verhindern, dass Kassenpatienten künftig länger als vier Wochen auf einen Arzttermin warten müssen. Werden Kassenpatienten von Ärzten benachteiligt? Stippler: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Wartezeiten sind für Versicherte immer ein Thema. Ich habe aber schon den Eindruck, dass Ärzte den Willen haben, gesetzlich Versicherte gut zu behandeln.Was muss sich an den politischen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ändern? Stippler: Wir brauchen vor allem die Freiheit, eigene Verträge mit Ärzten und Krankenhäusern zu schließen, um die Qualität der Versorgung auf Dauer zu sichern und diese bezahlbar zu machen. Zum Abschluss ein kleiner Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Kassenlandschaft und wie werden sich die Kassen verändern? Stippler: Die Krankenkassen werden sich vom vermeintlichen Kostenträger immer mehr zum aktiven Gesundheitspartner entwickeln. Das bedeutet: Beratung der Menschen, damit sie gesund bleiben und im Krankheitsfall schnell wieder gesund werden. Und das in enger Zusammenarbeit mit Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Dazu brauchen wir eben eine größere Vertragsfreiheit. wieExtra

Irmgard Stippler (49, Foto: AOK/RPS) war vor ihrem Wechsel an die Spitze der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland Vorstandsmitglied der Rhön Klinik AG und leitete bis April 2012 das Uniklinikum Gießen-Marburg als Vorsitzende der Geschäftsführung. Sie studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in München und Freiburg. Danach war sie unter anderem als Politik- und Wirtschaftsberaterin tätig, arbeitete beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag und bei der Telekom, bevor sie in die Gesundheitsbranche wechselte. Stippler ist verheiratet und hat zwei Kinder. wie