Fusionsträume scheitern an "Details"

Fusionsträume scheitern an "Details"

PRONSFELD. Die Nachricht schlug gestern für viele Bauern ein, wie eine Bombe: Nach mehreren Monaten heftigsten Werbens zwischen der Milch-Union Hocheifel (Muh) in Pronsfeld und der Humana Milchunion in NRW ließen die beiden Molkereien nun die Fusion platzen.

Details. Immer wieder Details. Trotz wiederholter Nachfragen der zahlreichen Medienvertreter bei der Pressekonferenz verweist Muh-Geschäftsführer Rainer Sievers ebenso beharrlich wie nichts sagend auf "Details", in denen die Vorstellungen der beiden Unternehmen nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen waren. Über alles Weitere sei Stillschweigen vereinbart worden. Doch woran sind die "sehr fairen und offenen Verhandlungen" - zuletzt am späten Montagabend in Düsseldorf - wirklich gescheitert? Bei Hintergrundgesprächen mit dem TV wird eins klar: Die Muh ist gegenüber der wesentlich größeren Humana selbstbewusst aufgetreten, hat aus einer Position der Stärke agiert. Die Muh-Vertreter haben keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich ihren Lieferanten gegenüber verpflichtet fühlen, und eine Fusion nur infrage kommt, wenn die Bedingungen stimmen.Proteste unter den Milchbauern

So legte der im November geschlossene Partnerschaftsvertrag fest, dass Humana ihre Eigenkapitalquote von 27 Prozent verbessern und der Erzeugerpreis für die Milch auf Muh-Niveau (derzeit 29 Cent pro Kilo) steigen muss. Um dazu in der Lage zu sein, hätte Humana unter Umständen mehrere Standorte zur Produktion von Babynahrung schließen müssen - möglicherweise ein zu hoher Preis für die "Braut". Der Druck auf die Muh-Spitze, die Fusion nur bei stabilem Milchpreis für Muh-Lieferanten durchzuziehen, hatte sich durch Kritik von Seiten der Lieferanten erhöht. Bei einem Protestmarsch im Januar in Prüm hatten rund 100 Milchbauern mit Verweis auf Humana-Schulden den Abbruch der Verhandlungen gefordert. Die gewählten Vertreter der Muh-Mitglieder hatten den Protestlern jedoch den Zutritt zu ihrer Versammlung in der Karolingerhalle verwehrt und für eine Fortsetzung der Fusionsgespräche votiert (der TV berichtete). Muh-Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Land betont, das Scheitern der Fusionspläne habe keineswegs nur an den Landwirten gelegen. Allerdings sei die Nachricht von den Verhandlungen im November überraschend für die Mitglieder gekommen, weil sie sich nie mit einer Fusion befasst hätten. Das Restrukturierungsprogramm von Humana will Sievers nicht kommentieren. Fragen über die konkrete Ausgestaltung der Standorte im Falle einer Fusion seien nicht in letzter Konsequenz behandelt worden. Unter anderem hätte die genaue Aufteilung der Verwaltung untersucht werden müssen. Ziel der Muh war es, innerhalb des Unternehmens als Kompetenzzentrum für haltbare Milchprodukte zu fungieren. An Spekulationen über seine persönlichen Karriereaussichten an der Spitze eines fusionierten Gesamtunternehmens will sich der 53-jährige Sievers nicht beteiligen: "Für mich ändert sich nichts. Ich bleibe in Pronsfeld." Seit 27 Jahren arbeitet Sievers für die Muh, seit 16 Jahren als Geschäftsführer. Seine Leistung wird allgemein anerkannt, in Sachen Fusion musste er allerdings erstmals massive Kritik einstecken. Als Niederlage will das Ergebnis nicht bezeichnen: "Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mir das anders vorgestellt habe. Es ist ein Stück weit enttäuschend, dass wir die Vision so nicht umsetzen können. Aber jetzt müssen wir nach vorne schauen. Die Milch-Union ist glänzend aufgestellt." Eine von Seiten der Milchbauern geforderte Käseproduktion in Pronsfeld sei "kein Thema".Konzentration wird fortschreiten

In der Branche wird die geplatzte Fusion vor allem mit Überraschung aufgenommen. Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau, Leo Blum, hat eine solche Entscheidung nicht zu diesem Zeitpunkt erwartet. "Generell aber kommt die Milchbranche aufgrund der politischen Weichenstellung nicht an Kooperationen und Zusammenschlüssen vorbei", meint Blum. Dabei sei es aber nicht Aufgabe der Verbände und der Politik, dies anzubahnen: "Die Molkereien müssen sehen, wo die Zusammenarbeit funktioniert und angebracht ist, damit man gegenüber dem Lebensmittelhandel eine bessere Position bekommt." MdL Michael Billen (CDU) sieht in Fusionen vom Ansatz her den richtigen Weg. "Doch dabei müssen eben auch die Produkte, die Unternehmensstrategien und das Management zusammenpassen." Das gelte vor allem auch für zukünftige Zusammenschlüsse. "Der Verstand sagt ja, das Herz sagt nein", beschreibt Michael Horper, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Bitburg-Prüm, die Gemütslage vieler Beobachter während der Verhandlungsphase. Die Entscheidung gegen eine Fusion sei "respektabel" und bestätige das Vertrauen in die ehrenamtlichen Verantwortlichen der Genossenschaft. Die Eigenständigkeit der Muh erfülle eine "tiefe Sehnsucht" vieler Bauern, die in der Rolle als Teil eines Konzerns einen Identitätsverlust befürchtet hätten. Die Muh müsse nun über die Erweiterung der Produktpalette oder die Zusammenarbeit mit einem anderen Partner nachdenken. Horper: "Die entscheidende Frage lautet: Wie behalten die Milchbauern auf lange Sicht einen ordentlichen Milchpreis?" Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) fordert von der Milchindustrie einen Erzeugerpreis von 40 Cent pro Kilo und droht andernfalls mit einem Lieferstopp. Oliver Grommes, Vorsitzender des BDM-Organisationsteams Eifel, begrüßt das Ende der Fusionsgespräche: "Die Muh hat ihr Unternehmen mit Erfolg eigenständig aufgebaut. Sie sollte auch weiterhin eigenständig bleiben und durch Erweiterung der eigenen Produktpalette Zukunftsperspektiven schaffen." Muh-Chef Rainer Sievers wird sich auf jeden Fall auf einige unangenehme Nachfragen einstellen müssen. In einem Schreiben hatte die Muh ihre Mitglieder am 20. November informiert: "Erfolg ohne Fusion - mit diesem Grundsatz waren wir 20 Jahre bestens aufgestellt. (...) Wir hatten und haben mit diesem Kurs Erfolg und somit für unsere Mitglieder überdurchschnittliche Milchpreise erwirtschaftet. Die Risiken dieser zugespitzten Unternehmenspolitik steigen (...)." Und weiter: "Durch das eng aufgestellte Sortiment (72,3 Prozent unserer Milch fließt in die H-Milch-Produktion) sind wir angreifbar geworden." Eine Fusion sollte der Muh die Chance bieten, diese Risiken auf eine breitere Basis zu verteilen.