Gaffer werden zunehmend zum Problem

Gaffer werden zunehmend zum Problem

Die Rettungsdienste beklagen sich, dass filmende Neugierige Einsätze behindern. Polizisten werden häufiger beschimpft.

Trier Es wird gepöbelt, gehetzt, beleidigt. Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, der hat sich an den rauen Umgangston gewöhnt. Da wird die Polizei als Abzocker und Halsabschneider bezeichnet, wenn sie Radarkontrollen ankündigt. Wenn mobile Blitzer-Anhänger, die seit einiger Zeit an wechselnden Stellen eingesetzt werden, zerstört werden, wird unverhohlen dazu aufgerufen, dem Beispiel zu folgen und auch die anderen von der Polizei benutzten Geräte unbrauchbar zu machen. Doch nicht nur in der virtuellen Welt wird zunehmend eine Verrohung der Sitten und mangelnder Respekt festgestellt. Polizisten seien Beschimpfungen, Unflätigkeit und verbale Anfeindungen nahezu täglich gewohnt, sagt Uwe Konz, Sprecher des Trierer Polizeipräsidiums. Zunehmend würden Polizisten auch selbst Opfer von Angriffen und Gewalttätigkeiten, häufig von alkoholisierten oder unter Drogen stehenden Menschen. "Oft reicht das bloße Erscheinen der Polizei, um Adressaten der polizeilichen Maßnahme in aggressive Angriffsstimmung zu bringen", sagt Konz. 413 Fälle von Gewalt gegen Polizisten mit 663 Einzelstraftaten hat es im vergangenen Jahr im Bereich des Polizeipräsidiums gegeben. Im ersten Halbjahr diesen Jahres waren es 182 mit 285 Einzelstraftaten. Ein Fall kann, laut Konz, mehrere Straftaten, etwa Widerstand, Beleidigung und Körperverletzung, beinhalten.
Auch die Rettungsdienste haben es häufig mit rücksichtslosen Zeitgenossen zu tun. Dass aber Einsätze durch Gaffer und Pöbler behindert werden, das scheint in der Region dann doch eher noch die Ausnahme zu sein, wie eine stichprobenartige Umfrage unserer Zeitung zeigt. Zwar seien Gaffer ein zunehmendes Problem etwa bei Verkehrsunfällen oder Bränden, "vor allem im digitalen Zeitalter, wo jeder ein Handy oder Smartphone mit Kamera hat", sagt Thomas Nußbaum, der stellvertretende Leiter Rettungsdienst beim Deutschen Roten Kreuz im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Im Laufe des Jahres seien in solchen Fällen, in denen allzu Neugierige Einsätze aus nächster Nähe filmen wollten, auch bereits Platzverweise durch Rettungskräfte ausgesprochen worden. Kürzlich hatte das Land beschlossen, dass Gaffer bei Verkehrsunfällen mit höheren Strafen von bis zu 10 000 Euro rechnen müssen. Wer einen Platzverweis durch das Rettungspersonal ignoriert, begeht nach dem Brand- und Katastrophenschutzgesetz künftig eine Ordnungswidrigkeit: Wirkliche Behinderungen durch Gaffer, wie kürzlich in Frankfurt, wo ein mitten in der Innenstadt zusammengebrochener 19-Jähriger reanimiert werden musste und Umherstehende die Helfer zunächst daran gehindert haben, hat es in der Region noch nicht gegeben. Allerdings sei Gaffer schon ein Problem, sagt der Chef der Trierer Berufsfeuerwehr, Herbert Albers-Hain. Er erinnert an einen Einsatz im vergangenen Jahr, als ein Rentner mit seinem Wagen in einen Weiher in Trier gefahren ist. Der in den Unfall verwickelte Fahrer habe den Mann aus dem Wasser gerettet, obwohl Passanten rumgestanden hätten. Einige davon haben den Einsatz gefilmt, statt zu helfen.
Entgleisungen und Aggressionen einzelner Menschen habe es immer schon gegeben, sagt die Trierer Psychologie-Professorin Eva Walther. Es gebe derzeit keine empirisch belastbaren Anhaltspunkte, dass die Verrohung der Gesellschaft zugenommen habe.

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