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Ganz Berlin steht still für den US-Präsidenten

Ganz Berlin steht still für den US-Präsidenten

Nein, er eifert John F. Kennedy nicht nach. "Ich bin ein Berliner", zitiert Barack Obama zwar seinen in der Stadt so verehrten Vorgänger. Doch der US-Präsident verzichtet bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor auf einen eigenen Satz in Deutsch. Der vielleicht krönende Abschluss seines Besuches in Berlin bleibt aus.

Berlin. So still ist es in Berlin-Mitte selten. Kein Auto fährt am frühen Morgen am Potsdamer Platz, einige Unentwegte, die hoffen, einen Blick auf Obama erhaschen zu können, stehen an den Absperrgittern. Sicherheitskräfte in schwarzen Anzügen achten penibel auf den Hoteleingang des Ritz Carlton, Scharfschützen liegen auf den Dächern. Während drei Kilometer entfernt im Schloss Bellevue noch die Blumen in den Farben der USA zurechtgerückt werden, beginnt der Tag für den Präsidenten nach einem leichten Frühstück mit einem Empfang im Ballsaal seines Hotels.
Dort treffen die Obamas mit Mitarbeitern der US-Botschaft und deren Familien zusammen. Es werden Nettigkeiten ausgetauscht. Kurz nach halb zehn verlässt die "First Family" in getrennten Kolonnen das Hotel. Hubschrauber kreisen, vorm Ritz wird es hektisch. Ehefrau Michelle bricht mit den Töchtern zu einer Sightseeing Tour auf: Holocaust-Mahnmal, Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie, Mauer-Museum. Kanzlerin-Gatte Joachim Sauer stößt dazu. Am Nachmittag steht noch Shopping auf dem Programm, abends wollen die Töchter Sasha und Malia ins Kino gehen. Sie kennen die Reden ihres Vaters nur zu gut.
Barack Obamas Tross fährt indes mit Tempo 40 in Richtung Bellevue. Alle 30 Meter stehen Polizisten, Berliner sind nicht zu sehen. Volksnähe, wie 2008, als er noch als Kandidat an der Spree auf Werbetour war, gibt es nicht. Sicherheit geht vor.
Die wenigen Bürger, die das Glück haben, dem Präsidenten hautnah zu begegnen, stehen da schon im Garten von Schloss Bellevue. Es sind Kinder der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin. Nach der Begrüßung bei Bundespräsident Joachim Gauck weht ein kleiner Jubelsturm durch den Schlosspark. Denn beide Präsidenten schütteln die Hände der Zwölfjährigen. "Cool", freut sich ein Kind. Es werden Fotos gemacht mit Obama und Gauck, Arm in Arm. Die Stimmung ist gelöst und entspannt. Beim Gespräch der beiden soll es ebenso gewesen sein.
Währenddessen suchen Spürhunde vor dem Kanzleramt noch mal nach Sprengstoff, die versiegelten Gullydeckel werden überprüft. Auf der Spree fahren nur noch Polizeiboote. Niemand darf jetzt mehr zum abgeriegelten Amtssitz von Kanzlerin Angela Merkel. Die Presse wird extra vom Bundespresseamt mit Bussen angekarrt. Das Viertel rund um die "Waschmaschine", wie die Berliner das Kanzleramt verspotten, wirkt wie eine Geisterstadt. Hier finden jetzt die politischen Gespräche statt. Nach der Ankunft begrüßen Merkel und Obama sich mit Küsschen links, Küsschen rechts. "Barack", "Angela", man duzt sich. Das ist die neue Herzlichkeit, die früheren Verstimmungen sind endgültig Geschichte.Appell für mehr Frieden


Afghanistan, Iran, die Lage in Syrien, die außenpolitische Agenda ist lang und kompliziert. Sehr ausführlich wird auch über die weltweite Ausspähaktion von Telefon- und Internetdaten des US-Geheimdienstes diskutiert. Merkel mahnt "Verhältnismäßigkeit" an. Obama verwendet viel Zeit darauf, das Vorgehen zu erklären. Vor der Presse betont er, es gebe kein "beliebiges" Abgreifen von Daten. Mindestens 50 terroristische Bedrohungen seien aber verhindert worden, einige davon auch in Deutschland.
Dann ziehen sich beide zu einem Mittagessen unter vier Augen zurück. Es gibt Büsumer Nordseekrabben, Beelitzer Spargel mit Kalbsmedaillons und Früchtecrepes. Nur das Beste für den Präsidenten. Abends, beim Galadinner mit 250 Gästen im Schloss Charlottenburg, zaubert Sternekoch Tim Raue Kabeljau, Königsberger Klopse und Bienenstich.
Er habe die Warmherzigkeit immer geschätzt, mit der er von den Deutschen empfangen worden sei, betont Obama. Das Wetter passt dazu: Der Himmel ist blau, die Sonne brennt. Der Pariser Platz auf der Ostseite des Brandenburger Tores kommt einem Glutofen gleich. 4500 handverlesene Gäste dürfen Obamas "großer Rede" lauschen, wie seine Berater vorher verkündet haben. Getränke oder Schirme gegen die Sonne sind verboten.
Dass die Euphorie bei einigen Deutschen auch verflogen ist, bekommt Obama nicht mit: Weit entfernt vom Tor gibt es Proteste gegen seine Drohnenkriege und der Tatsache, dass das US-Gefangenenlager Guantánamo noch immer nicht geschlossen ist. Er wolle dies weiterhin, beteuert Obama. "Es ist jedoch schwerer, als ich hoffte."
Sein Auftritt bekommt etwas von einem Happening, weil viele anwesende Schüler wie bei einem Popkonzert kreischen. Erinnerungen an 2008 werden wach - Obama, Superstar. "Ich fühle mich so wohl hier, dass ich mein Jackett ausziehen werde", begrüßt er die Menschen. Wieder Jubel. Es folgt eine sehr grundsätzliche Rede, mit viel Pathos, mit dem Appell für mehr Frieden und Gerechtigkeit. Obama kündigt an, die Zahl der US-Atomsprengköpfe um ein Drittel senken zu wollen. Das ist seine politische Botschaft von Berlin aus an die Welt. Zum Schluss sagt er: "Vielen Dank!" Soviel Deutsch muss dann doch noch sein.