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Gastbeitrag von Hellmuth Milde: "Die Räuberbande der Banker"

Gastbeitrag von Hellmuth Milde: "Die Räuberbande der Banker"

Bei seiner Rede im Berliner Reichstag verglich der Papst im September die Politiker mit einer großen Räuberbande. Als höflicher Mensch formulierte er seinen Vergleich jedoch als Frage.

Wenn man an die Stelle der Politiker die Gruppe der Banker setzt, ist jede Höflichkeit fehl am Platz. Banker haben den Anspruch auf Zurückhaltung verspielt. Die weltweiten Demonstrationen unter dem Stichwort "Occupy wall street" zeigen, dass aus Sicht der Bevölkerungen das Maß voll ist.
Was muss man den Bankern vorwerfen? Der Vorwurf ist einfach: Wider besseres Wissen werden die Bankkunden von den Bankern einfach über den Tisch gezogen. Wie geht das? Jedem Banker ist klar, dass seine Methoden bei der Strukturierung von Bankgeschäften völlig falsch sind. Man kann es auch anders sagen: Das Geschäftsmodell der Banker basiert auf verlogenen Voraussetzungen. Diese Behauptung soll erklärt werden. Jede Entscheidung über Transaktionen auf Finanzmärkten basiert heute auf dem Konzept der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Was sind die Konsequenzen? Alle beteiligten Parteien haben in diesem Fall die gleichen Wahrscheinlichkeitseinschätzungen. Wenn alle Leute mit gleichen Wahrscheinlichkeiten rechnen, dann gibt es definitionsgemäß keine Informationsunterschiede.
Sieht die Welt der Finanzmärkte wirklich so schön und problemfrei aus? Natürlich nicht. In der Realität gibt es riesige Informationsdiskrepanzen. Die Banken haben vor den Anlegern normalerweise einen großen Informationsvorsprung. Von gleichverteilten Informationen kann keine Rede sein. Die Banker wissen nämlich sehr genau: Informationsdiskrepanzen sind für alle neuen Finanzprodukte - Derivate, Verbriefungstranchen - die Geschäftsgrundlage. Ohne Informationsdiskrepanzen sind die Produkte überhaupt nicht absetzbar. Die Geschichte vom Esel macht diesen Tatbestand sehr klar. Ein junger Bursche kauft von einem alten Bauern einen Esel für 100 Euro. Er bezahlt und vereinbart Abholung am nächsten Tag. Als er dann den Esel mitnehmen will, sagt ihm der Bauer, das Tier sei in der Nacht verendet. Der Bursche fordert sein Geld zurück. Der Bauer hatte es aber schon ausgegeben. Der Bursche nimmt daher den toten Esel mit und erzählt dem Bauern, dass er den Esel in einer Lotterie verlosen werde. Auf die Entgegnung, man könne doch keinen toten Esel verlosen, sagt der Bursche: "Ich sage einfach keinem Menschen, dass er tot ist." Nach einiger Zeit treffen sich beide wieder. Der Bauer fragt, wie die Esel-Geschichte ausgegangen sei. Der Bursche berichtet, dass er dabei 98 Euro verdient habe. Er habe 100 Lose zu je zwei Euro verkauft, also 200 Euro eingenommen. Davon habe er die 100 Euro abgezogen, die er beim Kauf des Esels verloren hatte. Der Bauer fragt dann noch, ob sich kein Loskäufer beschwert habe. Die Antwort: Doch, der Gewinner des Esels habe sich beschwert; deshalb habe er ihm seine zwei Euro zurückerstattet.
Die Geschichte zeigt, dass ohne Informationsunterschiede die ganze Lotterie nicht durchführbar gewesen wäre.
Wie schon gesagt, wissen die Banker um diesen Tatbestand, arbeiten aber nach wie vor mit der Unterstellung gleichverteilter Informationen. Warum machen sie das? Die Antwort ist einfach. Jeder Anleger ist bereit, Finanzprodukte zu kaufen, wenn er die Berechnungen nachvollziehen und überprüfen kann. Mit den vorgegebenen Wahrscheinlichkeiten ist das möglich. Damit kann Glaubwürdigkeit erzeugt werden. Dieser Trick findet bei allen Banken Anwendung. Damit sind wir berechtigt, sie als große Räuberbande zu bezeichnen.Extra

Hellmuth Milde (Foto: Archiv) war von 1990 bis 2006 Professor für GKF (Geld, Kredit und Finanzierung) an der Uni Trier. Seitdem ist er Gastprofessor für Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Universität Luxemburg.