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Gastbeitrag von Uni-Präsident Prof. Dr. Michael Jäckel zu Hamsterkäufen in der Corona-Krise

Gastbeitrag Prof. Dr. Michael Jäckel : „Wer weiß, was da noch kommt?“

Anmerkungen zu Hamsterkäufen von Prof. Dr. Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier.

Wenn Erklärungen langatmig werden und Sachverhalte nicht mit einprägsamen Worten verdeutlicht werden können, dann hilft schon einmal ein Sprichwort. Als zu Beginn der Corona-Pandemie die Angst vor einer Quarantäne Hamsterkäufe auslöste, wollte man wissen, warum so etwas geschieht. Ein Marktleiter brachte es auf den Punkt: „Die Deutschen kaufen Klopapier, die Franzosen Rotwein.“

Noch hat diese Beobachtung nicht den Status einer Lebensweisheit erhalten. Aber wer den Satz zukünftig bei passender Gelegenheit zum Besten geben kann, hat die Lacher aller Voraussicht nach auf seiner Seite. Die Tatsache des Lachens erklärt nicht, ob damit der Nagel tatsächlich auf den Kopf getroffen wurde. Es ist der Gegensatz, der überzeugt. Trotz zahlreicher Appelle („Die Versorgungsketten funktionieren.“, „Das ist unsolidarisch.“) meldet der Handel wieder neue Symptome.

Warum also greifen so viele Menschen in einer Krisensituation fast gleichzeitig zu einem ähnlichen Produkt? Eine erste Antwort könnte lauten: Sie sind unsicher, wie lange verordnete Einschränkungen gelten und betrachten das Produkt als etwas Unverzichtbares. Wer weiß, was da noch kommt? Alle Hinweise auf Nachahmungseffekte mögen ebenfalls eine Bewandtnis haben. Aber es gibt eigentlich keinen Ausbreitungsprozess, auch keine Meinungsführer, an denen man sich orientieren könnte. Es passiert, es wird beobachtet, es passiert. Eine „Tyrannei der kleinen Entscheidungen“ bleibt aus, die Situation ist zugleich dramatisch und einfach. Es wird nicht lange nachgedacht, Option ist eher ein Fremdwort. Auch Hamster, so lehren uns die Biologen, möchten in ihrem Käfig nicht zu viel Abwechslung. Dennoch ist die Kombination aus „Ich habe Angst“ und „Ich muss etwas tun“ in der Bevölkerung ungleich verteilt, ebenso die Erwartung, unmittelbar betroffen sein zu können.

Im Lexikon der alltäglichen Dinge, das Einträge von A=Abführmittel bis Z=Zentralheizung aufweist, wird auch der Geschichte des Toilettenpapiers ein Beitrag gewidmet. Es hat einiger Anläufe bedurft, bis überhaupt ein Wort über die damit verbundene Aktivität geäußert wurde. In den USA sah man zunächst, im Jahr 1859, in unbedrucktem Papier reine Verschwendung. Bedrucktes Papier, das noch einmal eine andere Verwendung erfahren sollte, gab es doch genug, z. B. die alten Kataloge der Versandhäuser. Die Prüderie der viktorianischen Zeit machte es den ersten Erfindern darüber hinaus in England ausgesprochen schwer, für ihre Erfindung die geeignete Werbung zu finden. Es war die Modernisierung des Wohnraums, vor allem die Installation von Wasser- und Abwasserleitungen, die der Papierrolle zum Erfolg verhalf. Und in den US-amerikanischen Hotels gehörte zu einem guten Zimmer ein Wasserklosett. Auf einmal hatte die Werbeindustrie ihr Betätigungsfeld gefunden. So lautete Ende des 19. Jahrhunderts ein Slogan: „Die haben ein schönes Haus, Mam, aber ihr Toilettenpapier kratzt.“

Fortan hatte das Marketing eine Differenz, mit der es spielen konnte. Dennoch reden wir nicht über ein Statussymbol. Aber die Wertschätzung des Produkts ist evident, auch, oder gerade weil es zu den ganz alltäglichen Dingen gehört. „Horte in der Not, dann hast du in der Zeit.“, trifft diese Antizipation von Knappheit, die ja nicht nur Hygieneartikel betrifft – Rotwein wohl weniger. Mengenbegrenzungen (handelsüblich, haushaltsüblich) sind grundsätzlich zulässig, aber regelmäßig auch Gegenstand von Kontroversen, die dieses Recht an sich diskutieren. Und glaubt jemand, dass es für Toilettenpapier einen lukrativen Schwarzmarkt geben könnte?

Aber warum trotzdem Klopapier – und Mehl, und Pasta? Aus allen Erklärungen, die aus bisherigen Pandemieerfahrungen abgeleitet wurden, ist es die Abneigung gegenüber nicht kalkulier- und kontrollierbaren Risiken, die am meisten überzeugt. Der Kauf des Produkts (der Produkte) führt auch in größeren Mengen kaum zu einer finanziellen Überlastung, es verdirbt nicht oder ist lange haltbar und wird als Hygieneprophylaxe positiv verbucht. Die Rahmung als (angebliches) Massenphänomen wird als bestärkend empfunden. Trotzdem wird das Ausmaß überschätzt, weil es im Vergleich zum Kaufverhalten des besonnenen Konsumenten mehr Aufmerksamkeit erfährt. Ein Hamster beobachtet gerne aus einer geschützten Position, was da draußen so passiert. Aber wenn ihm zu viele Klopapierrollen angeboten werden, ist er überfordert. Auch dieser Hinweis wird wohl kaum ein Mehr an Besonnenheit auslösen. Wenn es an Rationalität mangelt, ist das Selbst sich am nächsten. Oder: Zu viel des Produkts kann vielfache Verstopfungen zur Folge haben.

Corona Denk mal. Foto: TV/Roland Grundheber


Anmerkungen zu Hamsterkäufen von Prof. Dr. Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier