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Gebührenfreiheit: Studenten froh, Unis nicht

Gebührenfreiheit: Studenten froh, Unis nicht

Studenten atmen auf, Universitäten sind beunruhigt: Der Verzicht auf Gebühren für Langzeitstudenten löst ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Hier ein Überblick.

Trier/Mainz. Das sagen die Beteiligten zur Abschaffung der Studienkonten für Langzeitstudenten in Rhenland-Pfalz: Die Sicht der Studenten: Es gibt sicher auch einzelne Studierende, die nichts gegen Gebühren haben, wenn damit die Qualität der Lehre verbessert wird. Aber im Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta), der zentralen Interessenvertretung aller Studenten, ist die Linie klar. Von den Studiengebühren für Langzeit-, im Volksmund auch Bummelstudenten genannt, hält man rein gar nichts.Der Asta der Mainzer Uni freut sich daher über den Schritt der neuen rot-grünen Landesregierung und fordert ohne Wenn und Aber das sofortige Ende der Studiengebühren für Langzeitstudenten. Von Bummelstudenten will niemand sprechen - im Gegenteil: "Die 650 Euro pro Semester treffen vor allem Studierende, die neben dem Studium arbeiten mussten, die Kinder haben oder Angehörige pflegen oder sich gesellschaftlich engagierten und eben nicht den typischen Studienverlauf eines Vollzeitstudierenden haben", so Hochschulreferent Nico Klein. Besonders am arbeitsintensiven Ende des Studiums ist es seiner Überzeugung nach schwer, das nötige Geld für die fälligen Gebühren zu verdienen. Klein weiter: "Viele Studierende brechen ihr Studium ab oder verschulden sich, um ihren Abschluss zu machen."Den Verzicht auf die Studienkonten hält der Asta-Referent zudem für richtig, weil die Unis einen Teil der Mehreinnahmen gleich wieder in die Verwaltung der Gebühren stecken. Zur Erklärung: Hinter dem Begriff Studienkonten verbirgt sich das komplexe rheinland-pfälzische Gebührenmodell (siehe Extra).Einen anderen Kritikpunkt an den Langzeitgebühren hat Moritz Rehfeld (Asta der Uni Trier). "Das System verhindert, dass sich Studierende in zwei oder mehr Studiengängen engagieren", moniert er. Denn auch das Zweitstudium (nach einem abgeschlossenen ersten Studiengang) ist kostenpflichtig.Die Sicht der Universitäten und Fachhochschulen: Ausnahmslos alle Hochschulen beklagen den hohen Verwaltungsaufwand. Besonders prekär ist das für die Fachhochschulen. Beispiel FH Mainz: Sie nimmt im Jahr nur zwischen 25 000 und 50 000 Euro ein. Zieht man die Verwaltungskosten ab, hat sie unter dem Strich wenig von den Gebühren. Dennoch sind die Fachhochschulen nicht generell gegen die Gebühren. Sie wollen es nur schlanker konzipiert wissen.Anders als bei den FHs verzeichnen die Universitäten durchaus spürbare Einnahmen. An der Mainzer Hochschule zahlen jährlich zwischen 1200 und 1500 Studierende die Gebühr. Das hat immerhin 1,7 Millionen Euro pro Jahr in die Unikasse gespült. Die Verwaltungsausgaben sind bereits abgezogen.An der Universität Koblenz-Landau mussten im Wintersemester 2009/10 exakt 601 Langzeitstudierende in die Tasche greifen. Im Schnitt wurden 614 000 Euro pro Jahr erzielt, 2010 waren es sogar 663 000 Euro. Das gesamte Geld kommt den Studenten zugute, die sogar ein Mitspracherecht haben. Erst- und Zweitsemester werden besser betreut (Tutorate), studentische Projekte finanziert, zusätzliche Fachliteratur wird angeschafft. Oder mit den Einnahmen leistet sich die Universität Kursangebote zu Präsentationstechniken, Rhetorik, Team- und Führungskompetenz oder dem wissenschaftlichem Schreiben. All das fällt weg, wenn das Gebührenmodell kippt. In Koblenz-Landau will man sich diesen Einschnitt nicht so einfach bieten lassen.Die Uni Trier nahm 2010 gut 620 000 Euro ein (Gesamtetat rund 100 Millionen Euro). 60 000 Euro musste die Hochschule ausgeben, um die Gebühren zu verwalten. Der Uni Kaiserslautern brachten die Dauerstudenten pro Semester knapp 100 000 und pro Jahr knapp 200 000 Euro ein.Insgesamt sprechen alle Universitäten von guten Erfahrungen mit dem Kontosystem. "Das ist ein Anreiz, zügiger ans Ziel zu kommen", so ein Sprecher.Die Sicht des Bildungsministeriums: Die Abschaffung der Gebühren soll nicht übers Knie gebrochen werden. "Es wird Übergangs- und Bonusregelungen geben", sagt Pressesprecher Wolf-Jürgen Karle. "Man muss überlegen, was mit den Studenten geschieht, die Pluspunkte, also ein Weiterbildungsguthaben, angesammelt haben." Das sind die schnellen, effizienten Studenten. Letztlich wird das neue Verfahren im Hochschulgesetz geregelt. Das braucht Zeit.Meinung

Ein falsches Signal Mag sein, dass das Wort vom Bummelstudenten manch einem Unrecht tut. Etwa jenen Studenten, deren Leben Brüche aufweist, die früh Kinder bekamen oder eine Biografie haben, die in kein Raster passt. Doch all das eingerechnet, ist die Abschaffung der Studienkonten das falsche Signal. Rheinland-Pfalz ist das Mekka der kostenfreien Bildung. Hier hängt der gesellschaftliche Aufstieg weiß Gott nicht vom Geldbeutel ab. Da ist es in Ordnung, einen finanziellen Anreiz zu setzen, damit Studenten in maximal 1,75-facher Regelstudienzeit zum Abschluss kommen. Wer länger studieren will, darf das gerne tun, aber dafür muss die Solidargemeinschaft nicht haften. Die hat genug zu tragen, in dem sie Soziallasten stemmt, die Folgen des demografischen Wandels schultert, Arbeitslose unterstützt. Die Abschaffung der Studienkonten ist ein Wahlgeschenk der Grünen an ihre Klientel - ein absolut überflüssiges. nachrichten.red@volksfreund.deDas Konto: Jeder Student, der sich einschreibt, erhält ein Studienkonto mit einem Studienguthaben. Das alte Prinzip: Bis zum Wintersemester 2007/2008 erhielten alle Studienanfänger ein Generalkonto mit 200 Semesterwochenstunden (SWS). Dieses Kontingent konnte für das Erststudium, anschließende Weiterbildungen oder Aufbaustudien genutzt werden. Wer schnell studierte, hatte dementsprechend ein hohes Restguthaben. Das neue Prinzip: Statt SWS gelten Leistungspunkte als Währung. Vom Konto abgebucht wird das, was der Student als Leistung von der Uni nutzt. Gebühren zahlt der, der die Regelstudienzeit um das 1,75-fache überschreitet. db