"Gefährliche Konsequenzen"

Scharfe Kritik an fehlenden Mitteln für die nationale Infrastruktur üben nach dem Brückeneinsturz von Minneapolis politische Gegner des US-Präsidenten George W. Bush sowie Automobilverbände und die US-Gesellschaft der Ingenieure.

Washington. Schon vor 17 Jahren war die achtspurige Autobahnbrücke, die am Mittwochabend in Minneapolis innerhalb weniger Sekunden und ohne Vorwarnung mitten im dichten Berufsverkehr eingestürzt war, von staatlichen Verkehrsexperten als "strukturell fehlerhaft" eingestuft worden. Seitdem gab es - weil immer mehr Risse und Hinweise auf Rost auftraten - in regelmäßigen Abständen Untersuchungen. Und bis zuletzt glaubten die Verantwortlichen, dass die 40 Jahre alte Brücke über den Mississippi für den Verkehr sicher sei. Angesichts dieser massiven Fehleinschätzung mit tragischen Folgen - noch immer werden mindestens acht Menschen in den Fluten vermisst - kommt einer Statistik der staatlichen Autobahnverwaltung größte Bedeutung zu. Dieser Liste zufolge gelten 73 500 der 607 000 Brücken in den USA als einsturzgefährdet, so eine interne Statistik aus dem vergangenen Jahr. Um alle diese Brücken zu reparieren, würden fast 190 Milliarden Dollar benötigt - Geld, das zu 80 Prozent aus dem Regierungshaushalt von George W. Bush kommen müsste Vertreter von amerikanischen Automobilverbänden äußerten gestern scharfe Kritik daran, dass ein großer Teil dieses Geldes bisher nicht zur Verfügung gestellt worden sei. "Dies hat gefährliche Konsequenzen," so ein Sprecher der "Allianz der Autobahn-Benutzer". Von einer "Bedrohung für die Sicherheit" sprach auch ein Vertreter der US-Gesellschaft der Ingenieure. Die Katastrophe von Minneapolis wird unterdessen zum Politikum: Der demokratische Senator Harry Reid warf dem Weißen Haus vor, für die "marode Infrastruktur im ganzen Land" verantwortlich zu sein, weil Finanzierungsvorschläge der Opposition oft mit einer Veto-Androhung des Präsidenten beantwortet worden seien. Ein Sprecher Bushs konterte, man habe seit Amtsantritt des Texaners die Ausgaben für Autobahnen um rund 30 Prozent erhöht. Als besonders vernachlässigt gelten aber nicht nur Brücken, sondern auch Dämme und Deiche. Die extremen Regenfälle der vergangenen Wochen in Südstaaten der USA wie Texas ließen zahlreiche kleinere Staudämme brechen, was zur Überflutung weiter Landstriche beitrug. Die spektakulärsten Folgen staatlicher Vernachlässigung zeigten sich allerdings im Sommer 2005 beim Hurrikan "Katrina", als die im Rückblick als unzureichend eingestuften Dämme um New Orleans brachen. 1800 Menschen starben. George W. Bush, der heute den Unglücksort aufsuchen will, ließ bereits erklären, dass man dafür sorgen wolle, dass den Betroffenen der Tragödie schnell geholfen werde und dass die Brücke rasch wieder aufgebaut werde. Die offizielle Toten-Zahl war gestern auf fünf korrigiert worden, wobei im Laufe des Tages noch mindestens 13 Fahrzeuge, die mit Hilfe von Sonargeräten geortet wurden und teilweise unter schweren Betonplatten liegen. Meinung Es bröckelt Wenn George W. Bush heute den Ort der Brückenkatastrophe in Minneapolis besucht, sind seine Versprechungen absehbar und folgen dem bei Politikern üblichen Reflex der Schadensbegrenzung: Man werde den Angehörigen der Opfer helfen und die Aufmerksamkeit darauf richten, dass die Brücke schnell wieder aufgebaut werde. Das Verfallstempo solcher publikumswirksamen Versprechungen lässt sich an den Aktivitäten der US-Regierung nach dem verheerenden Hurrikan "Katrina" ablesen. Auch damals hatte Bush vollmundig einen nachhaltigen Einsatz der Behörden versprochen. Die Realität heute: Zehntausende leben immer noch in Notquartiere. Einer der modernsten Industriestaaten der Welt steht - im wahrsten Sinne des Wortes - auf bröckeligen Fundamenten. Es sei eine Frage des Geldes, heißt es immer wieder bei der Suche nach den Gründen. Ein Blick in den Staatshaushalt zeigt, wo seit März 2003 die Prioritäten liegen: bei der Finanzierung des umstrittenen Militäreinsatzes im Irak, der nach einer Berechnung von Budget-Experten des US-Kongresses rund neun Milliarden Dollar kostet - pro Monat. nachrichten.red@volksfreund.de