Frankreich: Gefängnisse in Frankreich: Brutstätten des Terrors

Frankreich : Gefängnisse in Frankreich: Brutstätten des Terrors

Die Proteste der Wärter zeigen die Gefahr, die von den französischen Haftanstalten ausgeht. Rund 1700 Häftlinge gelten dort als radikalisiert.

Die Gerichtszeichnung von Christian Ganczarski zeigt einen Mann mit langem, dunklen Bart und einer Haarsträhne, die in die hohe Stirn fällt. Der 52-jährige Deutsche sitzt als Drahtzieher des Attentats im tunesischen Djerba 2002 in französischer Haft. So, wie rund 500 andere Islamisten.

Dazu kommen noch 1200 Kriminelle, die sich im Gefängnis radikalisierten und einer besonderen Bewachung bedürfen. Doch genau daran fehlt es in Frankreich. Denn diejenigen, die diesen schweren Dienst tun, sind seit zwei Wochen im Streik. Sie fordern mehr Personal, mehr Geld und schärfere Sicherheitsmaßnahmen für die besonders gefährlichen Gefängnisinsassen. Losgetreten hatte die größte Protestbewegung seit 25 Jahren Ganczarski, der am 11. Januar in der Haftanstalt Vendin-le-Vieil im Norden mit einem Messer und einer stumpfen Schere drei Wärter verletzt hatte.

Inzwischen sind rund zwei Drittel der 188 Gefängnisse durch die Proteste ganz oder teilweise blockiert, so dass die Insassen nicht mehr duschen können, keinen Besuch bekommen und der Hofgang gestrichen ist. Die Bilder brennender Barrikaden vor den Gefängnissen richten die Aufmerksamkeit auf die zum Teil katastrophalen Zustände in den französischen Haftanstalten, die chronisch überbelegt sind. Auf 100 Plätze kommen durchschnittlich 114 Gefangene, während es in Deutschland nur 82 sind. Rund 4000 Angriffe auf das Personal zählen die Behörden pro Jahr.

„Brutstätten der Radikalisierung“ nennt der Staatsanwalt von Paris, François Molins, die Gefängnisse. Der renommierte Jurist, der nach den Anschlägen des Jahres 2015 mit seinen wohlgewählten Worten international bekannt wurde, warnte in einem Radiointerview auf drastische Weise vor der Gefahr in den Zellen. Dabei ist diese Gefahr spätestens seit Mohammed Merah bekannt. Der Attentäter von Toulouse war 2008 wegen Handtaschenraubs zu 18 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden und wurde hinter Gittern zum radikalen Islamisten. „Er empfand es als ungerecht, sich wegen des Diebstahls einer Tasche im Gefängnis wiederzufinden“, sagte ein Polizist im Prozess gegen Merahs Bruder Abdelkader aus. Deshalb habe er damals an seinen Bruder geschrieben: „Ich weiß, was ich mache, wenn ich herauskomme. Ich will, dass Allah mich an den Ungläubigen rächt.“ Nach seiner Entlassung reiste Merah in mehrere Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens, um dort mit Dschihadisten Kontakt aufzunehmen.

Laut dem britischen Zentrum zur Erforschung der Radikalisierung und politischen Gewalt (ICSR) sind 57 Prozent der europäischen Dschihadisten vor ihrer Radikalisierung im Gefängnis gewesen. 27 Prozent wurden wie Merah in Haft zu künftigen Gotteskriegern. „Das Gefängnis begünstigt die Radikalisierung“, warnt der Soziologe Farhad  Khosrokhavar. Er fordert wie die Gewerkschaften mehr Personal, um solche Entwicklungen genau zu beobachten und darauf zu reagieren. Gleichzeitig kritisiert der Spezialist die Zustände in den französischen Haftanstalten: „Ein annehmbares Gefängnis, wo die Gefangenen menschlich behandelt werden, würde zu deutlich weniger Radikalisierung führen“, schreibt er in Le Monde.

Das Radikalisierungs-Problem droht in den kommenden Monaten noch größer zu werden, denn aus Syrien und dem Irak dürften Hunderte Kämpfer nach Frankreich zurückkommen.

Schon unter Präsident François Hollande wurden deshalb spezielle Einheiten gegen die Radikalisierung in Gefängnissen geschaffen. In „Evaluierungszentren“ werden die radikalisierten Häftlinge mehrere Monate lang beobachtet, um festzustellen, wie gefährlich sie für ihre Mitmenschen sind. Diejenigen, die gewalttätig sind oder andere Gefangene bekehren wollen, sollen dann in eine Art Isolationshaft kommen. Allerdings war auch Ganczarski in Isolation, als er seine Wärter überfiel. „Man braucht Personal, das speziell ausgebildet ist, für diese Gefangenen“, fordert die Generalstaatsanwältin Naïma Rudloff in der Zeitung Le Figaro. Eine Deradikalisierung im Gefängnis sieht sie skeptisch: „Ich bin nicht sicher, dass man während der Haft eine Abkehr vom Salafismus und Dschihadismus erreicht.“

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