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Gefühlsaufwallung erster Güte

Gefühlsaufwallung erster Güte

KARLSRUHE. Nach knapp sechs Stunden herrscht nur noch nüchterne Geschäftsmäßigkeit. Mit ganzen 15 Gegenstimmen winkt die Basis den Koalitionsvertrag mit der Union durch. Der Bestätigung für Franz Müntefering als künftigem Vize-Kanzler wagt lediglich ein Genosse zu widersprechen.

Dabei hatte Matthias Platzeck, der neue Star am roten Polit-Himmel, noch unmittelbar zuvor am Rednerpult sinniert, dass man eine Regierungskonstellation für gut befinden soll, "mit der keiner gerechnet hat und die keiner herbei gesehnt hat". Auch Franz Müntefering weiß das natürlich nur zu gut. Er bringt es gleich zum Auftakt auf den Punkt: "Vieles auf diesem Parteitag ist anders als wir dachten."Über das neue Grundsatzprogramm wollten die rund 500 Delegierten in der weitläufigen Veranstaltungshalle auf dem Messegelände von Karlsruhe debattieren. Und über das Wohl und Wehe der Wehrpflicht. All das liegt auf Eis. Stattdessen steht der abrupte Rückzug des Vorsitzenden auf der Tagesordnung, die letzte Rede Gerhard Schröders als Bundeskanzler und "ein Brot, dessen Aufstrich nicht allzu dick ist", wie ein Delegierter höhnt. Gemeint ist eben jener Koalitionsvertrag mit der ungeliebten Union.

Für einen, der sich anschickte, stärkster SPD-Chef seit Willy Brandt zu werden, aber am banalen Konflikt um den nächsten Generalsekretär scheiterte, zeigt Müntefering erstaunlich wenig Emotionen. Gewiss, er hat seine Zeit im Chefsessel akribisch vermessen: "Nach 606 Tagen scheide ich aus." Kürzer war vor ihm noch kein sozialdemokratischer Vorsitzender im Amt. Dann sagt Müntefering noch, dass es eine "schöne Zeit" gewesen sei, auch "manchmal heftig". Und dass die Koalitionsvereinbarung einen "hinreichend sozialdemokratischen Geist" atme. Tarifautonomie und Atomausstieg gerettet, Elterngeld und Reichensteuer beschlossen. "Das ist alles keine Kleinigkeit." Und die Mehrwertsteuer, deren Anhebung die SPD im Wahlkampf noch als "Merkelsteuer" brandmarkte? "Das war kein leichter Schritt", murmelt Müntefering, "weiß Gott nicht." Sei's drum. Der Beifall für den scheidenden Chef ist gemessen an früheren Müntefering-Auftritten nicht überschwänglich.

Der Kanzler kämpft mit den Tränen

Doch die Macht der Bilder wirkt: Müntefering lässt sich vom scheidenden Kanzler umarmen. Solchen Gesten hat sich der oberste Parteisoldat sonst immer entzogen. Dann reckt er die Daumen nach vorn und verbeugt sich militärisch knapp. Müntefering sucht den Eindruck zu vermeiden, dass da einer von der politischen Bühne abtritt. Und er macht ja auch weiter - als Vizekanzler und Arbeitsminister.

Dagegen nimmt Gerhard Schröder tatsächlich Abschied vom politischen Leben. Er hat die Partei mit der Agenda 2010 in eine ihrer tiefsten Krisen gestürzt, aber auch mit einem beispiellosen Wahlkampf aus der Lethargie gerissen. Durch Schröder bleibt die SPD weiter im Regierungsboot, obwohl sie doch schon alle Felle wegschwimmen sah. Aus diesem politischen Wechselbad inszeniert die Parteitagsregie eine Gefühlsaufwallung erster Güte. Schon als Müntefering dem Niedersachsen kurz nach Redebeginn den schlichten Satz zuruft: "Wir danken dir von Herzen", fängt der Saal an zu beben. Es folgen fast acht Minuten lang Ovationen. Und Gerhard Schröder kämpft mit den Tränen.

Aber es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten. Bevor Schröder seinerseits ans Pult tritt, verdunkelt sich der Saal, und ein kleiner Film "mit Impressionen einer erfolgreichen Kanzlerschaft" kommt zur Aufführung. Die musikalisch eindrucksvoll unterlegten Sequenzen reichen vom berühmten Zaun am Kanzleramt, an dem Schröder einst gerüttelt haben soll, bis zu gefühligen Bildern mit den führenden Staats- und Regierungschefs dieser Welt.

Am Ende haben sich alle Probleme in Luft aufgelöst: "Es waren sieben gute Jahre für unser Land, für die Menschen, für unsere Sache", zieht Schröder Bilanz, und der Applaus will kaum enden. Soviel Harmonie schmeckt nicht jedem, doch kritische Stimmen bleiben in der Minderheit. Das könnte sich ändern. Heute sollen die Delegierten den Parteivorstand neu wählen. Manche sehen darin ein Ventil, aus dem der Unmut entweichen könnte.