Gekränkte Eitelkeiten

BERLIN. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Er sei "etwas erstaunt" über die Vorgänge in so einem "honorigen Verband" wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), frotzelte gestern Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Das ist noch milde.

"Bund Deutscher Intriganten" wird bereits in Berlin über die mächtigen Wirtschaftslobbyisten gewitzelt. Denn seit dem erzwungen Rückzieher des CDU-Mannes Norbert Röttgen vom Amt des Hauptgeschäftsführers ist das Hauen und Stechen in den obersten BDI-Etagen ausgebrochen. Und ausgerechnet einer der engsten politischen Verbündeten geht langsam auf Distanz: Die Union. Es ist der Kampf um Strategie und um Macht. Und es geht um gekränkte Eitelkeiten: Als Schlüsselfigur der Vorgänge entpuppt sich immer mehr der ehemalige Verbandschef Hans-Olaf Henkel, in dessen Schlepptau, wie Insider sagen, Michael Rogowski mitgefahren ist. Beide Ex-Präsidenten hatten mit einem offenen Brief (ausgerechnet via "Bild") an den amtierenden BDI-Chef Jürgen Thumann den Rückzieher Röttgens erzwungen. "Das sind zwei zornige alte Herren, die sich nicht mehr genug in der Öffentlichkeit erwähnt sehen", glaubt Michael Fuchs, Chef des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand der Union. Der Brief "war schlechter Stil", sagte Fuchs unserer Zeitung. Nur: Die darin enthaltene Kritik an Röttgens Doppelfunktion als Abgeordneter und Wirtschaftsfunktionär galt in Wahrheit Thumann. Henkel und Rogowski sorgen sich um ihr Erbe. Beide hatten dem Industrieverband einen wirtschaftsliberalen Kurs verpasst; vor allem gelang es beiden, den BDI lautstark und öffentlichkeitswirksam zu positionieren. Man wurde gehört - und von politischer Seite verdammt. Was Besseres kann einem Verband nicht passieren. Ganz anders der 64-jährige Thumann: Der Top-Funktionär bevorzugt lieber den Schmusekurs gegenüber der Bundesregierung, vor allem zu Kanzlerin Angela Merkel. Die Spanne von Thumanns Kommentierungen der Regierungspolitik reicht meist nur von "angenehm" bis "positiv". Viele der BDI-Mitglieder sehen dies aber inzwischen anders, wie es heißt; sie sind enttäuscht über den Kurs der Koalition - und über den ihres Verbandes. "Wenn es in der großen Koalition schon kaum eine parlamentarische Opposition gibt, muss der BDI umso klarer die wirtschaftspolitischen Alternativen zur Regierung öffentlich aufzeigen", fühlt sich Rogowski nun als Sprachrohr der Unzufriedenen. Und Henkel nimmt es persönlich: Der Industrieverband spiele mit dem Ruf, "den er nicht zuletzt mir zu verdanken hat", so Henkel. Intern war gar von Rücktrittsforderungen an Thumann die Rede. Der will aber durchhalten. Vorerst. Konservative gehen auf Distanz

Das muntere Treiben wird von politischer Seite mit Argusaugen beobachtet. Schon sind erste Absetzbewegungen erkennbar, die man sonst eigentlich nur von Gewerkschaften und SPD kennt: Konservative gehen auf Distanz zu ihrer Wirtschaftsklientel. Der BDI könne jetzt nur noch als eingeschränkt kontraktfähig gelten, unkt der Haushaltsexperte der Union, Steffen Kampeter. Das gilt vor allem für den angeschlagenen Vorsitzenden Thumann - dessen Position ist nun auch gegenüber der Politik deutlich geschwächt. Der BDI befinde sich im schweren Fahrwasser, beschreibt Mittelständler Fuchs die Lage. "Abwarten", rät er. Im Schlepptau der ganzen Angelegenheit tut sich übrigens noch ein neuer Konfliktherd auf - es geht um die Bundestagsvizepräsidentin Susanne Kastner von der SPD: "Sie sollte sich überlegen, ob sie ihrem Amt noch gewachsen ist", fordert Fuchs sie indirekt zum Rücktritt auf. Denn Kastner hatte den ebenfalls wegen seiner Doppelfunktion in der Kritik stehenden CDU-Abgeordneten Reinhard Göhner scharf attackiert. "In diesem Amt darf man nicht parteiisch sein", schießt Fuchs zurück. Wer Göhner kritisiere, müsse auch die Gewerkschaftsfunktionäre in den eigenen Reihen kritisieren.