Geltungsdrang ist gleich Gefahr

Geltungsdrang ist gleich Gefahr

TRIER/BITBURG. Das Risiko wird ausgeblendet, was zählt, ist der Adrenalinkick im Augenblick. Blindlings fahren junge Fahrer über Kreuzungen oder rasen als Geisterfahrer über Autobahnen, um Anerkennung zu finden und ihre Aggressionen auszuleben.

Ein junger Mann setzt sich in seinen Wagen, fährt auf die Autobahn, bewusst der Fahrtrichtung entgegen. Nach dem Motto "Bis einer mir das Leben nimmt" ist er als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs. Er und die ihm entgegenkommenden Fahrer haben Glück, es passiert kein Unfall. In Sekunden um Jahre gealtert

Dies ist einer der Fälle von Risikofahrten, mit denen sich der Trierer Verkehrspsychologe Richard Tank tagtäglich auseinander setzt. Er betreut unter anderem junge Fahrer, die im Straßenverkehr auffällig geworden sind, die Punkte im Verkehrszentralregister haben oder ihren Führerschein verloren haben. Er trifft auf Fahrer, die bei Mutproben oder Wettfahrten das Schicksal herausgefordert haben, in einem Fall mit Todesfolge. Dieser Unfallfahrer habe ihm "klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er innerhalb von Sekunden um Jahre gealtert" sei, sagt Tank. "Er hat es begriffen". Leider zu spät, sein Beifahrer starb. "Dann gibt es wiederum andere, die das überhaupt nicht begreifen", schildert der Verkehrspsychologe seine Erfahrungen. Gerade junge Fahrer verursachen besonders häufig Verkehrsunfälle, weil ihnen noch die Fahrpraxis fehlt. Rund 25 Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland werden von 18- bis 24-Jährigen verursacht, sagt Klaus Schnarrbach, Pressesprecher der Bitburger Polizei. Im Kreis Bitburg-Prüm würden sogar rund 30 Prozent der Unfälle von dieser Altersgruppe verursacht. Dabei machen sie gerade mal etwa acht Prozent der Bevölkerung aus, gibt Schnarrbach zu bedenken. In dieser Gruppe der jungen Fahrer gibt es einige, die im Straßenverkehr ganz bewusst auf ein größeres Risiko abfahren. Laut einer psychologischen Studie sind es 14,8 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, die ihre Aggressionen bei Wettfahrten oder Mutproben mit dem Auto ausleben, erklärt Verkehrspsychologe Tank. Er sieht "Geltungsdrang, Imponiergehabe, das Ausleben von Frustrationen und die Suche nach Anerkennung" als Auslöser für diese waghalsigen Fahrten, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Die männlichen sowie weiblichen Risikofahrer seien "autoversessen, fast fanatisch", stünden häufig in einer Drucksituation. Das Auto dient als Ventil für diesen Druck. "Sozialdefizite werden über diese Tour aufgearbeitet," sagt der Polizist Schnarrbach. "Eine hohe Risikobereitschaft bis Aggression", sind laut Tank charakteristisch für die Risikofahrer, denen das "Auto als Fluchtmittel dient". Ohne Rücksicht auf Verluste fahren sie "blind" über Kreuzungen, sind als Geisterfahrer auf der Autobahn unterwegs. Folgen werden einfach ausgeblendet

"Des Risikos sind sie sich nicht bewusst. Die möglichen Folgen werden einfach ausgeblendet" , sagt Tank. "Sobald derjenige weiß, dass er draufgehen kann und das nur annähernd realisiert, wird er das nicht mehr machen", so seine Einschätzung. In der Praxis höre er aber auch immer wieder fatalistische Argumentationen wie: "Ich hab eh nicht vor, lange zu leben." Ein Weg, die Gefahren durch die Harakiri-Fahrer einzudämmen, sei, Kontakt zu denen aufzunehmen, bei denen man Fanatismus für das aggressive Autofahren spüre. Fahrlehrer, Eltern und Verkehrspsychologen sollten beispielsweise mit Sicherheitstrainings versuchen, die Fahrer für Risiken zu sensibilisieren und ihnen zu helfen, ihre Aggressionen anders zu kanalisieren.

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