Genossen im Schulz-Rausch

Auch bei seiner Rheinland-Pfalz-Premiere wird der SPD-Kanzlerkandidat umjubelt wie ein Popstar.

Worms (dpa) Die Aufbruchstimmung in der SPD ist in Worms mit Händen zu greifen. Es gibt viele Mitglieder, die Schulz zu fassen bekommen wollen - inhaltlich genauso wie für Selfies und Autogramme.
Martin Schulz hat seine SPD in einen Umfrage-Rausch geführt, und die Parteibasis feiert ihn dafür wie einen Popstar. Bei seiner Rede am Samstag in Worms wird er mit "Martin, Martin"-Rufen begrüßt, Anhänger halten Schilder mit "MEGA"-Martin in die Höhe, Smartphone-Kameras klicken unablässig. Aufgeregt sagt Thorsten Peermann aus Kaiserslautern, er möchte unbedingt ein Autogramm für sein blau-rotes Plakat ergattern, das grafisch an die Fotos Barack Obamas aus der Kampagne vor der US-Wahl 2008 erinnert.
Euphorisiert schwimmen die Genossen auf der "Yes we can"-Welle. Schulz glaubt an sich, die Partei an ihn, und das überträgt sich offenbar auch auf die Menschen im Land. Bei Umfragen liegt die SPD derzeit fast gleichauf mit der CDU. In Worms - dem ersten Auftritt von Schulz seit seiner Nominierung in Rheinland-Pfalz - scheint niemand zu glauben, dass die Begeisterung bis zur Bundestagswahl im September noch abflaut.
Aus Mitgliedern, Anhängern und Sympathisanten sind Fans geworden. Einer von ihnen ist der 18-jährige Joshua Schmitt, der als Hintergrundbildschirm auf seinem Smartphone ein Foto des 61 Jahre alten Schulz hat. Schulz zeigt darin mit dem Zeigefinger direkt auf den Betrachter. "Das gibt mir totale Motivation, wenn ich das sehe", sagt Schmitt. Zusammen mit anderen Jusos hat er heute ein wichtiges Ziel: ein Foto mit Schulz. Auf ihren Online-Plattformen nennen sie ihn längst "#Gottkanzler" und "#Arbeitskaiser". In der proppevollen Halle in Worms, in der die Menschen immer wieder aufspringen, klatschen, johlen, sind auch einige Neumitglieder. 600 Rheinland-Pfälzer seien seit der Nominierung von Schulz eingetreten, sagt Generalsekretär Daniel Stich. Einer von ihnen ist Ludwig Wolf aus Mainz, der keinen Platz mehr gefunden hat, aber kein Problem damit hat, stundenlang zu stehen. Wolf sagt, bisher kenne er von dem ehemaligen Präsidenten des EU-Parlaments nur den Slogan "soziale Gerechtigkeit". "Das reicht mir noch nicht."
Schulz legt in Worms nach - es ist die vierte von fünf Regionalkonferenzen, auf denen er seine politischen Ideen darstellt. Zwei Wochen vor seiner erwarteten Wahl zum neuen Parteivorsitzenden redet Schulz über "anständige Löhne für anständige Arbeit", über eine "Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Universität" und "gleiche Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort, für Männer und Frauen in Ost und West".
Unter den begeisterten Zuhörern sind auch viele rheinland-pfälzische Politiker, darunter Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Sie sichert Schulz zu, dass seine Wahl nicht an ihrem Bundesland scheitern solle. "Die Rheinland-Pfälzer wissen ja, wie man eine Wahl gewinnen kann." Die Parteimitglieder seien "motiviert bis unter die Haarspitzen".
Während der ganzen Rede direkt vor Schulz saßen Deniz Sahin (22) und Bayram Özmen (25) von den Jusos Rhein-Ried. "Von diesem Mann geht ein wahnsinniges Charisma aus", sagen sie.FDP-LANDESCHEF KRITISIERT SCHULZ


Extra

(dpa) Der rheinland-pfälzische FDP-Chef Volker Wissing lehnt die Pläne von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für Reformen an der Agenda 2010 ab. "Ich halte ein Zurückdrehen der Agenda 2010 für falsch. Wir brauchen mehr und nicht weniger Reformen", sagt er der Welt.