Gesünder, aber verhaltensauffällig

Trier · Kinder sollen toben, draußen spielen. Doch viele von ihnen können das nicht mehr. Ihnen fehlen die Zuwendung und das passende Umfeld. Viele sitzen vorm Fernseher oder am Computer. Und das hat Folgen. Sie sind unkonzentriert und verhaltensauffällig.

Trier. Es klingt zunächst etwas paradox: Die meisten Kinder sind gesünder als noch vor Jahren, aber trotzdem fehlt ihnen etwas. Sie können sich nicht lange konzentrieren, sind unruhig, haben Sprachprobleme. Ihnen fehlt die soziale Reife. Für die Kinderärztin Susanne Heicappell, ärztliche Leiterin des Zentrums für Kinderfrühförderung in Trier, sind der gute allgemeine Gesundheitszustand der Kinder und die Auffälligkeiten kein Widerspruch. Durch bessere Ernährung und regelmäßige, verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen seien die meisten Kinder heute gesünder als noch vor Jahren.
Das zeigt sich auch darin, dass die Zahl der übergewichtigen Erstklässler in Rheinland-Pfalz rückläufig ist. Knapp zehn Prozent der Kinder sind demnach deutlich zu dick. Auch was den Impfstatus angeht, ist eine Verbesserung festzustellen. So sind in der Region durchweg deutlich über 90 Prozent der Erstklässler gegen alle gängigen Krankheiten wie Polio, Tetanus, Diptherie, Mumps oder Röteln geimpft.
Auch die Gesundheitsämter stellen eine Verschiebung von körperlichen zu psychischen Erkrankungen fest. Kinderärztin Heicappell erklärt das mit einem geänderten Lebensumfeld der Kinder. Viele kämen heute schon früh, mit ein oder zwei Jahren, in Kitas und müssten dort zusammen mit vielleicht 15 anderen Kindern um zwei Erzieher konkurrieren. Das bedeute schon für Kleinkinder "richtig Stress". Dadurch lernten sie nicht, sich zu konzentrieren, sagt Heicappell.
Funktionieren und Mitlaufen

 Kinderärztin und Leiterin des Trierer Zentrums für Frühförderung: Susanne Heicappell. TV-Foto: Friedemann Vetter

Kinderärztin und Leiterin des Trierer Zentrums für Frühförderung: Susanne Heicappell. TV-Foto: Friedemann Vetter


Hinzu komme, dass aufgrund der Berufstätigkeit beider Eltern, die Kinder auch zu Hause "funktionieren" und einfach nur "mitlaufen" müssten. Ein echtes Familienleben finde zumeist nicht mehr statt. Die Eltern hätten oft zu wenig Zeit für ihre Kinder und parkten schon Kleinkinder stundenlang vor dem Fernseher.
"Kinder brauchen zur gesunden Entwicklung Sicherheit, Geborgenheit und dem Alter entsprechende Förderung in vertrauten, verlässlichen sozialen Beziehungen und Strukturen", sagt Manuel Follmann, Sprecher der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich. Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung des Wittlicher Gesundheitsamtes zeigten, dass die Kinder heute mehr Auffälligkeiten und "schulischen Zuwendungsbedarf" hätten.
Grund dafür ist laut Volker Schneiders, Leiter des Dauner Gesundheitsamtes, die Dauerberieselung durch Fernsehen, Computer, Smartphone oder Spielekonsole. Das führe zwangsläufig zu Aufmerksamkeitsdefiziten. Bei den Schuleingangsuntersuchungen des Dauner Gesundheitsamtes wurden - wie bei denen in Trier und Wittlich - deutliche motorische Störungen bei Kindern festgestellt. Bei den Untersuchungen werde heute aber auch mehr Gewicht auf die sogenannte sozial-emotionale Entwicklung gelegt, sagt Follmann. Früher seien da fast ausschließlich der körperliche Gesundheitszustand und das Hör- und Sehvermögen getestet worden.
Die Untersuchungen an sich seien häufig zeitaufwendiger geworden, etwa durch schwierigeres Verhalten von Kindern und durch Konzentrationsprobleme. Heicappell wundert das nicht. Die wenigsten Kinder spielten noch auf der Straße, dürften sich unbeaufsichtigt austoben, auf Bäume klettern oder über Zäune springen. Und dieser Bewegungsmangel wirke sich auf die Konzentrations- und Ausdauerfähigkeit aus.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort