Gläschen ohne Ehren

Zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils! Unser letzter Wille, noch mehr Promille! Sprüche wie diese scheinen sich viele Rheinland-Pfälzer zu Herzen zu nehmen. Darunter 1486 Jugendliche, die 2014 mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus landeten. Fast acht Prozent mehr als im Vorjahr.

Trier. Nüchterne Zahlen sagen nur wenig über betrunkene Jugendliche aus. 1486-mal mussten Heranwachsende, die sich mit Alkohol vergiftet hatten, 2014 im Krankenhaus behandelt werden. Welch erschreckende Szenen sich hinter solchen Zahlen verbergen, erfuhr die Trierer Öffentlichkeit an Weiberdonnerstag 2012 - und war geschockt: Schon mittags torkelten grölende Jungen und Mädchen über den Hauptmarkt, urinierten in Geschäftseingänge, griffen Passanten an, prügelten einander, randalierten und beleidigten Polizisten, während andere Altersgenossen blass und apathisch auf dem kalten Kopfsteinpflaster in ihrem Erbrochenen lagen, bis die Sanitäter kamen.
Die Polizei zählte 42 Straftaten und verhängte 150 Platzverweise. Mehr als 60 Jecken mussten schon am Nachmittag in einem mobilen Großraumrettungswagen versorgt werden. 60 weitere junge Leute wurden mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus gebracht. In mehreren Fällen bestand Lebensgefahr - Atemstillstand, Kreislaufzusammenbruch oder Multiorganversagen können das traurige Ende exzessiven Trinkens sein.
Was folgte, schien zu wirken. Die Medien berichteten, Politiker debattierten, Schulen griffen das Thema im Unterricht auf, und in den beiden Folgejahren galt an Weiberfastnacht in Trier ein Alkoholverbot. Jedenfalls sank die Zahl der jungen Komasäufer, die laut Gesundheitsministerium im Jahr 2012 mit 1683 landesweit auf Rekordniveau lag, deutlich (auf 1378).
Verfrühte Erfolgsmeldungen


Das ist zwar immer noch viel im Vergleich zum Jahr 2000, in dem es genau 800 Fälle weniger gab. Doch führte es zu Erfolgsmeldungen. Verfrüht, wie sich nun zeigt. Ist die Zahl der bedrohlich betrunkenen Jugendlichen seitdem landesweit doch wieder um fast acht Prozent gestiegen. Den Grund für die Zunahme des exzessiven Trinkens sehen Jugendschützer darin, dass der Nachwuchs heute mehr Taschengeld bekommt und Alkohol billig ist: Zehn Liter günstiges Bier kosten gerade mal fünf Euro. Genau wie eine Flasche Wodka. Mit Säften oder Limonaden gemischt, schmeckt der Schnaps auch Mädchen, die 2014 landesweit "nur" ein Drittel der Alkoholpatienten stellten. Überdurchschnittlich hoch war der Anteil der Komasäuferinnen mit 41,3 Prozent laut Statistischem Landesamt im Eifelkreis Bitburg-Prüm.
Mit jugendlichem Leichtsinn allein lässt sich das Phänomen allerdings nicht erklären - denn der überwiegende Teil der 7127 Menschen, die 2014 sturzbetrunken auf einem Krankenhausbett landeten, sind Erwachsene aller Altersstufen. Am stärksten vertreten sind Männer zwischen 45 und 55 Jahren.
Rauschtrinker sind bei weitem nicht die einzigen Alkoholgeschädigten, mit denen es Ärzte zu tun bekommen. "Die gesundheitlichen Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsum sind äußert umfangreich", sagt Christoph Hahn, Oberarzt am Trierer Klinikum Mutterhaus. Und da man in Deutschland laut Weltgesundheitsorganisation doppelt so viel Alkohol trinkt wie in anderen Nationen, sind die Probleme groß: Einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie zufolge sterben jedes Jahr 74 000 Deutsche an den direkten und indirekten Folgen ihres Alkoholmissbrauchs - ein Zigfaches derer, die im Straßenverkehr ihr Leben lassen (2014 bundesweit 3377). Leber, Bauchspeicheldrüse, Herz, Lunge oder Nervensystem werden so stark geschädigt, bis sie versagen. Bevor es so weit kommt, haben viele Alkoholiker längst schon ihre Lebensfreude verloren, ihren Job, ihre Freunde.
Riskantes Verhalten


Der Studie zufolge zeigen 9,5 Millionen Deutsche ein gesundheitlich riskantes Trinkverhalten. 1,3 Millionen Deutsche seien alkoholabhängig, der wissenschaftliche Dienst des Bundestages spricht gar von 4,3 Millionen Deutschen. Die volkswirtschaftlichen Kosten all dessen sind immens, und die Bilder und Schicksale, die sich hinter diesen nüchternen Zahlen verstecken, sind nicht weniger verstörend als jene Szenen, die Trier im Jahr 2012 Sorgen bereiteten. Jugendschützer, Suchtexperten und selbst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fordern daher, die Steuern auf Alkohol zu erhöhen, Werbung zu verbieten und keinen Alkohol mehr an Jugendliche zu verkaufen. Bisher ohne Erfolg.Extra

Zahlen aus der Region: 2014 mussten in Trier 198 Menschen wegen Alkoholvergiftungen stationär behandelt werden, darunter 25 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren. Im Kreis Bernkastel-Wittlich waren es 191 und im Kreis Trier-Saarburg 155, darunter jeweils 46 Jugendliche. Der Eifelkreis Bitburg-Prüm verzeichnet 160 Fälle (34 Jugendliche), der Vulkaneifelkreis 118 (17 Jugendliche). MosExtra

Wann ist man alkoholabhängig? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Der internationalen Klassifikation der Krankheit folgend, wird die Diagnose gestellt, wenn während des vergangenen Jahres drei oder mehr der folgenden Punkte zutrafen: Erstens: Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken. Zweitens: Eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums. Drittens: Wenn man keinen oder weniger Alkohol trinkt, leidet man unter körperlichen Entzugserscheinungen. Viertens: Immer mehr Alkohol ist nötig, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Fünftes: Andere Interessen werden zugunsten des Trinkens vernachlässigt. Sechstens: Man trinkt weiter, obwohl negative Folgen nachweisbar sind, zum Beispiel Leberschäden, depressive Verstimmungen, der Verlust des Führerscheins oder der Rückzug des Partners. MosExtra

Alkohol enthemmt - und gilt als Gewaltbeschleuniger. Beides bekommen Polizeibeamte in ihrem Arbeitsalltag zu spüren. Im Bereich des Polizeipräsidiums Trier standen 2014 rund 55 Prozent der Täter, die Polizisten angriffen oder Widerstand leisteten, unter Alkoholeinfluss. Auch Gewalttäter sind oft betrunken: Bei 2536 Fällen von einfacher Körperverletzung (zum Beispiel anspucken, kratzen, schlagen) stand ein Viertel der Verdächtigen (589) unter Einwirkung der Droge. Ging es um gefährliche Körperverletzung, war es sogar knapp ein Drittel: bei 887 Fällen 251 Tatverdächtige, die getrunken hatten. MosExtra

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kann folgende Menge Alkohol risikoarm getrunken werden: Männer sollten nicht mehr als zwei kleine Bier, zwei Glas Wein oder zwei Gläschen Schnaps pro Tag trinken, Frauen nicht mehr als ein kleines Bier, ein Glas Wein oder ein Gläschen Schnaps pro Tag. An mindestens zwei Tagen in der Woche sollte ganz auf den Genuss von Alkohol verzichtet werden. Mos