Göttliche Mission

Nimmt man die 54-Minuten-Rede von US-Präsident George W. Bush an die amerikanische Nation als Gradmesser, so steht den transatlantischen Beziehungen ein schwieriges Jahr bevor. Kein versöhnliches Wort gegenüber den Kriegs-Kritikern in Berlin oder Paris, stattdessen neue Muskelspiele gegenüber mutmaßlichen "Schurkenstaaten" und jenen Ländern, die sich nicht gleich kooperationswillig hinter den Mann im Weißen Haus stellen: "Wir werden niemals um Erlaubnis bitten, die Sicherheit unseres Landes zu verteidigen." Natürlich: In den USA wird im November der Präsident gewählt.

Und vieles von dem, was Bush dem Volk servierte, muss unter dem Aspekt schmissiger Wahlkampf-Rhetorik gesehen werden. Doch vor allem außerhalb Amerikas dürfte Sorgen und sogar neue Ängste auslösen, dass der Texaner der Debatte um das Gefährdungspotenzial des Irak erneut ausgewichen ist und stattdessen den Sturz Saddam Husseins als Teil einer von Gott verordneten Mission charakterisierte, die Amerika die Rolle des globalen Garanten von Freiheit und einer "besseren Welt" (Bush) auferlege. Indem der Präsident die Soldaten mit besonderem Lob für ihre Auslandsmissionen versah, hebelte er auch die Opposition aus: Patriotismus kann in den USA immer noch politischen Widerspruch mildern. So bleibt der Eindruck eines Präsidenten, der aus der Debatte um die Zulässigkeit der Irak-Invasion, dem Nachkriegs-Fiasko und den zerrütteten Beziehungen zur Uno nichts lernen konnte - oder wollte. Der Aufbau der Rede zeigte, dass sich der Präsident in den kommenden Monaten vor allem mit der Innenpolitik beschäftigen will und die Irak-Debatte für ihn somit abgeschlossen ist. Denn Bush scheint zu ahnen, wo seine schwachen Seiten liegen: In einem 500-Milliarden-Dollar-Defizit und über 2,3 Millionen verlorenen Arbeitsplätzen seit seinem Amtsantritt. BP/sas nachrichten.red@volksfreund.de