Goldener Mittelweg

Konsequent ist sie nicht, die Alkoholstrategie der Europäischen Union. Nach heftigen Protesten hat Gesundheitskommissar Markos Kyprianou seine ursprünglichen Pläne entschärft. Es wird kein Werbeverbot für Alkohol geben, kein Europa-weites Mindestalter für den Verkauf, Gastwirte dürfen auch in Zukunft Alkohol an Betrunkene ausschenken.

Das ist eine Abkehr von der ursprünglich harten Linie, ein Kompromiss - und entspricht exakt dem Gebot der Stunde. Denn eine rundum konsequente Alkoholstrategie wäre zu radikal, um konsensfähig zu sein. Wie sollte man beispielsweise in Griechenland, wo Jugendliche ohne Einschränkung Alkohol kaufen können, eine Untergrenze von 18 Jahren etablieren? Oder in Irland, wo man noch mit 0,8 Promille Auto fahren darf, eine Null-Promille-Grenze für Fahranfänger durchsetzen? Der Weg, den die EU-Kommission mit der gestern präsentierten Strategie beschreitet, führt durch die goldene Mitte: Es gibt vorerst keine Vorschriften, die halb Europa gegen die Brüsseler Beamten aufbringen würden. Stattdessen setzt man auf eine Debatte mit Mitgliedstaaten und Herstellern, wie sich der Alkoholmissbrauch auf freiwilliger Basis eindämmen lässt. Angedacht sind etwa Informationskampagnen und Selbstverpflichtungen der Industrie. Ob die Warnhinweise auf alkoholischen Getränken, die die Kommission gerne sähe, durchschlagenden Erfolg hätten, sei dahingestellt. Wichtig ist: Das Thema Alkoholmissbrauch kommt auf die Tagesordnung. Die 200 000 Europäer, die der Kommission zufolge jedes Jahr durch exzessiven Konsum von Schnaps & Co. sterben, werden ebenso diskutiert werden wie die Tatsache, dass ein Viertel aller Todesfälle unter jungen Menschen auf diese Droge zurückzuführen ist. Die Alkoholstrategie hat das Potenzial, solche Zahlen im öffentlichen Bewusstsein zu verankern - und zum Nachdenken anzuregen. Und das ist mehr wert als jedes Verbot. i.kreutz@volksfreund.de

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