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Gregor Gysi: In Trier atmet man auf Schritt und Tritt Geschichte

Gregor Gysi: In Trier atmet man auf Schritt und Tritt Geschichte

Zu seinem 195. Geburtstag ist Karl Marx in seine Heimatstadt Trier zurückgekehrt - und das gleich 500 Mal. Die Freiluft-Installation des Nürnberger Konzeptkünstlers Ottmar Hörl wird am Sonntag von Gregor Gysi eröffnet. Mit dem Linksfraktions chef sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.

Sie waren schon häufiger in Trier: Was außer Karl Marx verbinden Sie mit der Stadt?
Gysi: In Trier atmet man auf Schritt und Tritt Geschichte. Die Zeugnisse von über 1000 Jahren Stadt sind beeindruckend und in dieser Form nirgendwo sonst in Deutschland zu finden. Zugleich ist Trier mit der Uni eine junge, lebendige Stadt mit einer heiteren Lebensart, die auch mit der Nähe zu Luxemburg und Frankreich zu tun hat.

Warum sollte Trier stolz sein auf seinen berühmtesten Sohn?
Gysi: Es gibt nicht viele Städte, in denen ein Mensch geboren wurde, dessen Name und Schaffen weltweit so bekannt sind, der die Gesellschaften dermaßen geprägt hat und mit dem man sich bis heute auseinandersetzt. Nicht umsonst wurde Karl Marx im ZDF bei der Frage nach den bedeutendsten Deutschen auf den dritten Platz gewählt, obwohl er den ersten verdient hätte.

Inwiefern sind die Analysen und Thesen von Karl Marx ein Fall fürs
Museum?
Gysi: Man muss seine Analysen und Schlussfolgerungen nicht teilen, aber wenn man ökonomische Zusammenhänge erkennen will, kommt man um seine Theorie nicht herum. Natürlich hat sich der Kapitalismus weiterentwickelt in den 150 Jahren, seit Marx ihn analysiert hat. Dennoch gelten die von Marx aufgedeckten Grundsätze weiter. Da ist nichts verstaubt und gehört ins Museum.

Sie sind in Trier offenbar nicht von jedem willkommen: Der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Bernhard Kaster hat schon im Vorfeld von einem "unsäglichen Auftritt Gysis" gesprochen. Was antworten Sie Kaster?
Gysi: Herr Kaster kann sich meine Rede gern anhören und dann entscheiden, ob er eine bessere gehalten hätte. Zum Missbrauch von Karl Marx werde ich auch etwas sagen. Die Kunst-Aktion mit den Skulpturen steht für einen wunderbar unverkrampften Umgang mit dem berühmtesten Sohn der Stadt. Ohne es vergleichen zu wollen wünsche ich mir, dass mit der Marx-Installation eine ähnlich lockere und gelöste Atmosphäre rings um die Porta Nigra entsteht wie 1995 um den von Christo verhüllten Berliner Reichstag.