Grüne Hölle, kühle Hallen

Ringwerk, Ringboulevard, Ring Racer, Ring... ding: Wie sieht es aus an der berühmtesten Rennstrecke der Welt, ein Jahr nach der Eröffnung der neuen Attraktionen? Was kann man da erleben? Der TV macht den Test und schaut sich alles an einem heißen Sommertag an.

Nürburg. Riesige Hallen, große Hotels, neue "Erlebniswelten", das alles für sehr viel Geld: Die Diskussionen um den neuen Nürburgring halten an. Aber wie sieht es eigentlich da oben aus? Und was sagen die Besucher dazu, die von all den Problemen vielleicht gar nichts wissen?

Fahren wir einfach hin. Und fragen drauflos: "Wer hier hinkommt, der will doch nicht Achterbahn fahren", findet Christian Hendrich aus der Altmark in Sachsen-Anhalt mit Blick auf den "Ring Racer", der nach wie vor nicht funktioniert, seit bei einer Probefahrt im September einiges kaputt ging. Letzter Stand: Nach den Reparaturen und erneuter Testphase soll der "Racer" im Frühjahr 2011 an den Start gehen.

Allerdings wollten der 29-jährige Hendrich und seine Familie auch gar nicht zu den neuen Attraktionen, sondern zu einer ganz alten: zur Nordschleife, der knapp 21 Kilometer langen Ur-Strecke. Sie ist die wahre "Grüne Hölle" -seit der dreifache Formel 1-Weltmeister Jackie Stewart ihr diesen Titel verlieh.

Grüne Hölle: So heißt auch das neu errichtete "Eifeldorf" (guter Witz), ein Karree mit Restaurants, Bars und einem Hotel. Mittendrin die Disko "Eifel Stadl" -ein Name, für den man den Erfindern die schwarze Flagge zeigen sollte. Zum Glück ist Nachmittag, geballermannt wird erst im Dunkeln.

Zurück zu den Hendrichs: Die verpassten die Zufahrt zur Nordschleife und landeten deshalb zwischen den beiden neuen Hallen - dem "Boulevard" und dem "Ringwerk". Hendrichs Urteil zum "Boulevard" und den eleganten Läden, in denen man zum Beispiel eine Ferraritasche für 1050 Euro kaufen kann: "Broocht keen Mensch."

Raus aus dem Dämmerlicht des kühlen "Boulevards" und hinüber zum "Ringwerk", der neuen Erlebniswelt. Unterwegs stellt man fest, dass der rund zwölf Millionen Euro teure "Racer" dann doch zumindest einen kleinen Nutzen bietet: Da die Bahn über das ganze Gelände verläuft, kann man an einem heißen Tag wie diesem prima im Schatten der Konstruktion von Halle zu Halle schlendern.

Das "Ringwerk": 20 Euro kostet der Eintritt, und was bekommt man dafür? Einiges, wenn man sich auf die Angebote einlässt: Vom "4D-Kino", bei dem neben der 3D-Projektion nocht mit weiteren Spezialeffekten wie vibrierenden Sitzen gearbeitet wird, bis zum Boxenstopp, wo gerade eine Kindergruppe an einem Formel-1-Wagen den Reifenwechsel übt. Die Mädchen und Jungen haben Spaß.

Den hat auch Peter Murray: "Excellent, the finest I've ever seen", sagt der 70-Jährige von der britischen Isle of Man. Exzellent und vom Feinsten -Murray weiß, wovon er spricht: Er kennt viele Rennstrecken, betreibt auf der Insel ein Motorrad-Museum und ist früher selbst auf zwei heißen Reifen über die Pisten gekracht. Auch sein Nachbar wolle nächsten Monat in die Eifel reisen -und dem werde er einen Besuch dringend empfehlen.

Murrays Eifeler Freund, Eugen Wessel aus dem nahen Meuspath, ist zurückhaltender. Insgesamt sei alles etwas zu groß ausgefallen, sagt der 78-Jährige. Und das "Ringwerk"? "Das ist nicht schlecht. Vor allem für Neulinge."

Wie die beiden Kinder von Angelique Wernert aus dem elsässischen Straßburg: "Ja, für die ist das interessant", sagt die Mutter, während Töchterchen Meline kräftig am Lenkrad eines alten Rennwagens kurbelt. Und macht sich dann auf die Suche nach Melines Papa, der ist nämlich schon weitergestürmt.

Ein Tipp für Rennsportfans: die Führung hinter die Ring-Kulissen mitzumachen, die täglich von 10 Uhr an im Zweistunden-Rhythmus angeboten wird (6 Euro). Schlusspunkt der Tour: das Siegerpodest. Der fünfjährige Maarten Bekker aus dem niederländischen Delft erstürmt es zusammen mit seinem Opa Willem Hoogendijk und jubelt. Ein Omen für das WM-Finale? Hoffentlich - obwohl sich Maarten offenbar nicht für Fußball interessiert: Auf die Frage, wer denn am Sonntag gewinnen werde, antwortet er: "Schumi!"

Maartens Eltern, Wouter und Caroline, sind bekennende Fans des Rings, "und überhaupt von der Eifel", sagt der 40-jährige Wouter. Sein Urteil über den neuen Ring? "Sehr schön." Dann lächelt er: "Groß und ruhig."

Mitarbeiter haben genug von Diskussionen über das Projekt



Gut, an einem Mittwoch ohne Rennbetrieb oder andere Ereignisse kann man vielleicht keine Besucherströme erwarten. Dennoch: Viele Senioren- und Kindergruppen sind da und etliche junge Familien. Und weil alles so riesig dimensioniert ist, verlaufen sie sich eben ein bisschen.

Aber auch das fällt auf: Die freundlichen Mitarbeiter in den schwarzen T-Shirts sind spürbar motiviert bei der Sache. Klar, dass sie von den Diskussionen rund um Größe und die katastrophale Finanzierung des Projekts nicht mehr viel hören wollen. "Sie sehen ja, ich arbeite noch hier", sagt Führerin Anna Merten, als sie von zwei Teilnehmern ihrer Tour darauf angesprochen wird. "Und die Eifel steht auch noch."

Der Nürburgring: Er lockt nach wie vor Besucher aus aller Welt. Und die meisten kommen wegen der Nordschleife. Ob die neuen Angebote ebenso erfolgreich sein werden, steht noch nicht fest. Immerhin, der Gast aus der Altmark hat noch etwas ganz anderes entdeckt - die Eifel. "Wirklich schön", sagt Christian Hendrich. "Das hab ich gar nicht gewusst."