Grünes Projekt 18

Verwundert reibt sich der Betrachter die Augen: Sind das die Grünen, die ein Fünf-Mark-Beschluss für den Liter Benzin beinah die politische Existenz gekostet hätte? Die von Wahl zu Wahl die Fünf-Prozent-Hürde fürchten mussten, weil der Kosovo-Krieg samt Bundeswehreinsatz das grüne Grundverständnis über den Haufen warf?

Trübsal und Verzweiflung waren gestern. Heute steht die Partei prächtig da. Und selbst ihren Führungsleuten ist das Phänomen nicht ganz geheuer. Natürlich profitieren die Grünen vom jämmerlichen Zustand der SPD. Die Ministerposten, die sich mit der ungeliebten "Agenda 2010" verbinden, sind ausschließlich in sozialdemokratischer Hand. Dagegen korrespondieren die grünen Zuständigkeiten mit den grünen Urthemen Frieden, Umwelt sowie Verbraucherschutz. Und hier sind die Botschaften inzwischen allemal rosiger. Der grüne Aufschwung erklärt sich daraus aber nur zum Teil. Denn das Wohl und Weh der Regierungspolitik geht letztlich auch mit dem kleinen Koalitionspartner nach Hause. An dieser Stelle lohnt der Blick auf das unterschiedliche Wählerpotenzial. Was die Anhänger der Grünen grundsätzlich von der SPD-Klientel unterscheidet, ist ihre positive Grundhaltung zu den Reformbemühungen. Was allgemein wie eine Bedrohung klingt, nehmen grüne Wähler zunächst einmal als Chance wahr. Die Ökos punkten bei Menschen mit höherem Bildungsgrad, die soziale Einschnitte im Interesse eines nachhaltigen Wirtschaftens akzeptieren - und wegen ihrer höheren Verdienste natürlich auch eher verkraften können. Dazu zählt nicht nur der gutbetuchte Single. In den größeren Städten sind überdurchschnittlich viele Eltern mit Kindern dabei. Die Partei verkörpert, kurz gesagt, ein positives Lebensgefühl. Daraus folgt ein weiterer Aspekt: Was den Grünen einst als Abkehr von ihrer Unverwechselbarkeit angelastet wurde, nämlich auf dem Weg zu einer ganz "normalen" Partei zu sein, erweist sich mittlerweile als unschlagbarer Vorteil. Nach einer neuesten Umfrage gelten die Grünen derzeit als die geschlossenste Formation unter allen etablierten Parteien. Auf dieses Prädikat war in der Vergangenheit die Union abonniert. Während die SPD scheinbar jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf treibt, stehen die Grünen für Berechenbarkeit. Internes Streitpotenzial wird immer öfter schon hinter den Kulissen abgeräumt. Dieser Umstand zahlt sich jetzt aus: Die Grünen haben an Professionalität gewonnen. Stellt sich die Frage, ob das "grüne Projekt 18" von Dauer sein kann. Was wird die Partei mit ihren zweistelligen Erfolgen anfangen? Im Augenblick ketten sich die Grünen fast bis zur Selbstverleugnung an die gebeutelte SPD. Als die Ökos am Boden lagen, spendeten die Genossen Trost. Dem Wähler wird das auf lange Sicht aber nicht reichen. Sollte die SPD aus Gründen des Selbsterhalts den Reformmotor abwürgen, wäre es auch mit der grünen Herrlichkeit vorbei. Die Konsequenz ist nicht nur Eigenständigkeit. nachrichten.red@volksfreund.de